Medizinaktuell, Ausgabe Bern, Oktober 2012

Wenn Angst das Leben bestimmt

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Angststörungen – nahezu jede fünfte Person ist im Laufe des Lebens von einer therapiebedürftigen Angststörung betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Oft dauert es Jahre, bis Betroffene Behandlung in Anspruch nehmen. Dorothee Schmid, Fachpsychologin an der Privatklinik Wyss, gibt Auskunft.

Wann spricht man von einer Angststörung?

Dorothee Schmid: Angst ist die normale Reaktion auf Gefahren. Zur Störung wird die Angst dann, wenn sie sich auf Situationen oder Dinge bezieht, die real nicht wirklich gefährlich sind beziehungsweise von den meisten Menschen nicht als gefährlich beurteilt werden. Beispiele sind die Angst vor dem Zugfahren, die Angst vor Mäusen oder die Angst vor geschlossenen Räumen. Die Betroffenen empfinden ihre Angst trotzdem als sehr real. Krankhafte Angst hat in der Regel, wie die reale Angst, drei Anteile: Körperliche Symptome wie Atemprobleme, Herzklopfen, Schwitzen usw.; alarmierende Gedanken wie beispielsweise die Idee, die Kontrolle über sich zu verlieren; starke Tendenz, die vermeintlich gefährliche Situation zu vermeiden.

Welche Konsequenzen ergeben sich?

Viele Betroffene fangen an, Situationen, welche die Angst hervorrufen könnten, zu vermeiden. Oder sie versuchen im Voraus, alle eventuell eintretenden «Gefahren» zu erkennen und entsprechende Sicherheitsmassnahmen vorzubereiten. Dies führt natürlich zu grossen Einschränkungen im Alltag; spontanes und flexibles Handeln ist oft nicht mehr möglich. Bei bestimmten Angststörungen kommt es so weit, dass die Betroffene kaum noch ihre Wohnung, den als «sicher» erlebten Ort verlassen.

Muss jede Angststörung therapiert werden?

Nein, es kommt darauf an, wie sehr die Angst den Alltag einschränkt. Ein Mensch mit einer Spinnenphobie zum Beispiel kann gut damit leben, weil Begegnungen mit Spinnen bei uns eher selten sind. Auch eine Höhenangst muss man meiner Ansicht nach nicht behandeln, wenn der Betroffene nicht gerade jeden Tag aufs Berner Münster steigen muss. Doch unbehandelte Angststörungen werden häufig chronisch und weiten sich aus. Leidet jemand vielleicht zu Beginn an einer spezifischen Phobie, werden nach und nach immer mehr Lebensbereiche mit Ängsten «belegt ». Leider machen einige Betroffene keine Therapie oder kommen erst nach fünf bis sechs Jahren zu einer wirksamen Behandlung. Angstpatienten sollten zwei Dinge NICHT tun: Erstens versuchen, sich abzulenken oder den Angstauslöser zu vermeiden, und zweitens ohne professionelle Hilfe an der Angst «herumbasteln».

Wovor haben Angstpatienten denn wirklich Angst?

In der Therapie zeigt sich oft, dass die Patienten nur vordergründig Angst vor dem haben, weswegen sie eine Fachperson aufsuchen. Schaut man genauer hin, tauchen häufig viel tiefer sitzende, existenzielle Ängste auf. Patienten fürchten zum Beispiel, sie seien schlechte Menschen oder hätten keine Daseinsberechtigung. Solche Ängste werden verschleiert. Nicht bloss, weil sie verdrängt werden, sondern auch, weil sie aus gedächtnistechnischen Gründen nicht mehr bewusst zugänglich sind.

Warum hilft es nicht, Betroffene zu beruhigen?

Wer vor einer realen Gefahr Angst hat, kann beruhigt werden, indem die Gefahr beseitigt oder der Weg dazu gezeigt wird. Bei Angstpatienten ist gerade der Auslöser der Angst meist nicht objektivierbar und deshalb nicht einfach zu beseitigen; beruhigen ist daher unglaubwürdig und wirkungslos. Vor allem dann, wenn sich hinter dem vordergründigen Angstauslöser noch nicht erkannte Ängste verbergen. Die Angehörigen sollten aber die Ängste in jedem Fall ernst nehmen und die Betroffenen so rasch als möglich zu einer Fachperson führen.

Gibt es Erklärungen dafür, wie die Beschwerden entstehen?

Ja, es existieren mehrere Erklärungsmodelle. Laut lerntheoretischen Modellen wird die krankhafte Angst zum Beispiel durch klassische Konditionierung erlernt. Das heisst, ein Reiz, der ursprünglich keine Angst hervorruft, wird mit einem echten Angstauslöser gekoppelt und löst anschliessend ebenfalls Angst aus. Oder die Angst wird gewissermassen belohnt, indem die Betroffenen aufgrund ihres ängstlichen Verhaltens mehr Zuwendung erhalten oder geschont werden. Angst lässt sich aber auch am Modell lernen: Ängstliche Eltern beispielsweise bringen ihren Kindern bei, dass überall Gefahren lauern. Die kognitive Theorie besagt, dass krankhafte Angst entsteht, wenn eine Person Gefahren stärker einschätzt als die Ressourcen für die Bewältigung. Psychodynamische Modelle gehen von ungeklärten, unbefriedigten oder nicht zu vereinbarenden Bedürfnissen beziehungsweise Wünschen aus. Als Beispiel lässt sich da der katholische Priester nennen, der sich verliebt. Auch neurobiologische Prozesse (Ungleichgewicht im Hirnstoffwechsel) sind nach heutigem Wissen an der Entstehung von Angststörungen beteiligt.

Was lässt sich vorbeugend tun?

Auf sehr handfester Ebene kann man Angst dadurch vorbeugen, dass man versucht, das eigene Spannungsniveau oder den eigenen Stresslevel im «grünen Bereich» zu halten. Es hilft auch, wenn man sein Leben möglichst nach seinen eigenen Bedürfnissen gestaltet. Techniken, die Betroffene in der Therapie lernen, helfen mit der Zeit ebenso bei der Vorbeugung.

In welchem Umfang sind Behandlungserfolge möglich?

Bei rund 70 bis 80 Prozent der Betroffenen können mit der geeigneten Therapie gute bis sehr gute Besserungen erzielt werden. Am wirksamsten ist die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie; eine Psychotherapie, in der sowohl an den Gedanken als auch am Verhalten der Betroffenen gearbeitet wird. Das heisst, ungünstige, negative und angstbesetzte Gedanken werden neutral formuliert, gleichzeitig wird auch ein neues Verhalten eingeübt: Patienten werden mit ihrer persönlichen Angstsituation konfrontiert und erleben dabei, dass ihnen nichts Schlimmes zustösst. Je früher die Betroffenen mit einer Therapie anfangen, desto besser. Günstig ist auch, wenn die Angststörung nicht mit anderen Problemen (Depression, Persönlichkeitsstörung, Missbrauch von Substanzen) gekoppelt ist. Doch auch in diesen Fällen lassen sich Erfolge erzielen, es dauert allerdings länger.

Welche Rolle spielen Medikamente in der Therapie?

Medikamente spielen eine wichtige Rolle, vor allem wenn neben der Angststörung noch andere psychische Probleme bestehen, für die es wirksame Medikamente gibt. An der Angst selber ändern Medikamente eher wenig beziehungsweise wenig nachhaltig, doch in einigen Fällen können Patienten ohne angstlösende oder beruhigende Mittel an keiner Therapie teilnehmen, Medikamente machen sie also erst «therapietauglich».

Eine Angststörung muss sicher dann therapiert werden, wenn sie den Alltag einschränkt.

Gruppentherapie in der Privatklinik Wyss

Die Privatklinik Wyss bietet eine stationäre und ambulante Gruppentherapie für Patientinnen und Patienten mit Angsterkrankungen an. Das stationäre Programm beinhaltet eine mehrwöchige Gruppenpsychotherapie mit zwei Sitzungen pro Woche zum Schwerpunkt Angstbewältigung; es werden je nach individuellen Möglichkeiten geeignete Verhaltensweisen in realen oder wirklichkeitsnahen Situationen eingeübt. Körpertherapie zur Verbesserung der Körperwahrnehmung und zum Erlernen von Techniken gegen die körperlichen Symptome der Angst sowie Maltherapie zur Förderung nicht-verbaler Ausdrucksformen gehören ebenfalls zum Programm.

Verschiedene Formen von Angststörung

• Einfache oder spezifische Phobie: Angst vor einer bestimmten Situation oder vor bestimmten Objekten (Angst vor Hunden, Spinnen usw., Höhenangst, Angst vor engen oder geschlossenen Räumen).

• Agoraphobie (Platzangst): Angst vor grossen Plätzen, vor weiten grossen Räumen; Betroffene fürchten sich davor, als sicher erlebte Orte zu verlassen.

• Soziale Phobie: Angst in sozialen Situationen, vor negativer Bewertung durch andere.

• Panikstörung: Anfallsartige, schwere Angst, die Betroffene «aus heiterem Himmel» anfällt. In der Regel mit Todesängsten oder Angst vor Katastrophen verbunden.

• Generalisierte Angststörung: Anhaltende Angst, die viele Lebensbereiche betrifft, ständiges und übermässiges Besorgtsein.

Die Auskunftsperson

Dorothee Schmid, lic. phil. Fachpsychologin für Psychotherapie FSP

und Bereichsleiterin Fachtherapeutische Dienste

Kontakt:

Privatklinik Wyss

Fellenbergstrasse 34, 3053 Münchenbuchsee

Tel. 031 868 33 33

d.schmid@privatklinik-wyss.ch

www.privatklinik-wyss.ch