schulpraxis, Ausgabe 2/15

Als Dessert des Lebens Lehrperson werden

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Verschiedene Typen von Menschen bzw. Lehrpersonen können ein Burnout erleiden, nicht nur die Überengagierten. Auch nicht Partizipierende. Weniger fixe Ferien für Lehrpersonen oder ab 40 noch Lehrerin werden, schlägt Fachpsychologe Andi Zemp als Präventionsmassnahme vor.

Herr Zemp, will der Mensch von Natur aus partizipieren, sich engagieren?
Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, dass der Mensch von Natur aus nicht für Partizipation gemacht ist. Zuerst muss er das nackte Überleben sichern. In Kriegsgebieten zum Beispiel ist Partizipation in der Regel kein Bedürfnis. Ich gehe aber davon aus, dass ab einem gewissen kulturellen Entwicklungsniveau Partizipation zu einem Bedürfnis wird, da sie das soziale Vertrauen stärkt.

Was braucht es, damit der Mensch im Job partizipieren, sich engagieren will?
Der Mensch muss das Gefühl haben, dass seine Selbstverwirklichung auch mit seinem Job zu tun hat. Sobald der Lohn als fair empfunden wird, nimmt in der Regel das Bedürfnis, sich stärker beteiligen zu können, zu. Noch mehr Lohn bringt dann nicht zwangsläufig mehr Zufriedenheit. Dann braucht es Partizipationskompetenz und damit insbesondere die Fähigkeit, mit Unsicherheiten umgehen zu können. Dazu kommt eine Partizipationsbereitschaft, welche mit der Motivation der Person zu tun hat. Es gibt ein legitimes Recht, nicht teilnehmen zu wollen, einen Brötlijob zu erledigen, das Herzblut anderswo zu haben. In meiner Jugend arbeitete ich in einer Fabrik. Wir packten tagelang Mottenkugeln ein. Eine Italienerin tat dies sehr gerne. Sie sagte mir, dass sie sich während der Arbeit Geschichten ausdenke, die sie abends den Kindern erzähle. Das sei ihr Leben und mache ihr Spass. Sie nutzte den Freiraum für ihr inneres Engagement und war die zufriedenste Arbeiterin am ganzen Fliessband. Ob dies im Schulbereich richtig ist, ist eine andere Frage.

Sie engagieren sich für Burnout- Patienten. Weshalb gerade für sie?
Ich finde die Schnittstelle zwischen Psyche und Arbeit extrem spannend. Heute geht man davon aus, dass eine schlechte Passung zwischen Person und Arbeit die Hauptursache für ein Burnout ist; d.h., die falsche Person macht zur falschen Zeit die falsche Arbeit. Da wir nicht alle Faktoren und Stressoren selber beinflussen können, kann bei genügend hohem Druck ein Burnout jeden treffen. Das finde ich faszinierend. Dazu kommt, dass ich auch selber Erfahrung mit Überlastungssituationen habe und von daher weiss, wovon ich spreche.

Nur wer wirklich brennt, kann ausbrennen, hört man etwa. Ist Überengagement der zentrale Grund für ein Burn-out?
Den überengagierten Typ bringt man gerne in den Medien. Er ist weniger schambesetzt. Es gibt jedoch verschiedene Typen von Leuten, die ein Burnout bekommen. Etwa auch die Selbstunsicheren, die Mühe haben, Nein zu sagen. Sie müssen nicht unbedingt gebrannt haben. Sie wollen gefallen. Dann gibt es noch die psychisch Instabilen, die z.B. eine Angststörung haben. Wenn ich mich sehr stark mit Beschäftigung ablenke, hilft das, meine Angststörung zu kontrollieren – bis irgendwann die Kraft dazu fehlt.

Gibt es auch den Typ, der ausbrennt, weil er nicht partizipieren kann, weil er aussen bleibt?
Ja. Es ist manchmal schwierig, herauszufinden, woran das liegt. Partizipation entsteht in der Regel ja nicht von selbst. Sie setzt entsprechende kooperative Strukturen und offene Kulturen voraus. Dann gibt es Leute, die aufgrund ihrer Art auf schlechtes Echo stossen. Strukturen zu ändern, ist meistens einfacher. Wer Persönlichkeitsanteile verändern will, hat oft einen langen Weg vor sich.

Immer öfter hört man auch von Kinder-burnout. Eine Modeerscheinung?
Ein Burnout ist eine chronische Stressbelastung. Sie ist auch bei Kindern möglich. Man muss gut auseinanderhalten, welchen Anteil das Kind selber hat (aufgrund seiner schwierigen Lebensgeschichte oder weil es über eine hohe Leistungsmotivation verfügt) und welcher von den Eltern kommt (weil diese z.B. Zuwendung von Leistung abhängig machen). Zahlenmässig nehmen Stressbelastungen eindeutig zu. Ich glaube, dass die Erwartungen von uns an uns, ans Leben und an andere Leute massiv zugenommen haben.

Warum?
Wir haben verlernt, im Hier und Jetzt zu leben, und beschäftigen uns mit Vorliebe mit dem Gestern oder dem Morgen. Das Ziel, möglichst viel im Leben «mitzunehmen» und zu erfahren oder zu tun, stresst uns.

Sie behandeln auch Lehrpersonen?
Ja. Sie kommen gehäuft zu bestimmten Zeiten. Als die Integration eingeführt wurde, kamen mit ein paar Monaten Verzögerung einige. Jetzt hat sich das wieder beruhigt. Wenn eine neue Herausforderung auf die Lehrpersonen trifft, merken wir das.

Wie sollen Schulleitungen, die sehen, dass eine Lehrperson burnoutgefährdet ist, mit dieser umgehen? Sie schonen oder gerade mehr einbinden?
Wenn sie dies merkt, ist das grundsätzlich schon mal sehr gut. Aus meiner Sicht wäre der erste Schritt, die Sache unter vier Augen zu besprechen, und zwar nicht auf der Ebene «Ich habe den Verdacht, dass du burnoutgefährdet bist ...». Eher soll die Schulleitung zu beschreiben versuchen, welche Veränderungen sie wahrnimmt. Zum Beispiel so: «Mir fällt auf, dass du die letzten Male, als ich dich um etwas bat, so abweisend reagiert hast. Auch an der LehrerInnenkonferenz warst du so gereizt ...» Es geht darum, das veränderte Verhalten im Vergleich zu vorher aufzuzeigen. Oft weist die so angesprochene Person im ersten Moment alles von sich. In diesem Fall würde ich das Gespräch später wiederholen. Schonen ist nicht immer das Beste. Manch-mal ist es hilfreicher, wenn die Situation eskaliert, damit man handeln kann. Es gibt Leute, die werden kränker, wenn man sie schont und krankschreibt. Ich rate in jedem Fall, geeignete Fachleute beizuziehen.

Was sagen Sie zur Aussage eines Schulleiters gegenüber einem Lehrer, der ein Burnout erlitten hat: «Das hat man seit fünf Jahren kommen sehen.»?
Das Gesetz sieht vor, dass auch der Arbeit-geber für die Gesundheit der Mitarbeiter verantwortlich ist. In der Schule ist das de facto die Schulleitung. Sie ist die Personal-chefin. Zweimal mit der gefährdeten Person sprechen reicht nicht. Als Schulleiterin kann ich deshalb nicht auf eine generelle Beziehungspflege verzichten und dann meinen, in schwierigen Situationen könne ich richtig reagieren. In Krisen merkt man, ob ein Chef gut ist. Ein Mensch kann jedoch nicht gleichzeitig Chef und Mitarbeiter sein. Meiner Ansicht nach sollten deshalb zur Vermeidung einer Rollendiffusion Schulleitungen nicht auch noch selber unterrichten.

Welches wäre die bestmögliche Burn-out-Prävention für die Schule?
Ein Burnout ist ja nicht nur von der Struktur abhängig, sondern auch von der Person. Aber, wenn wir jetzt von der Struktur aus-gehen, glaube ich, es sollte in der Schule weniger Ferien geben. Nicht weil ich glaube, die Lehrpersonen hätten zu viele Ferien. Was Menschen stresst, ist der Wechsel von hoher Belastung und Entlastung. Das On-Off der Schule ist anstrengend und aus präventiver Sicht Blödsinn. Mein Modellvorschlag: Lehr-personen und Kinder hätten im Jahr sieben oder acht Wochen Ferien, im Sommer hätte die Schule z.B. fünf Wochen Betriebsferien, die restlichen zwei Wochen könnten die Lehrpersonen und die Schüler dann nehmen, wenn sie es wünschten. Die Lehrperson würde in dieser Zeit vertreten. Man hätte zwei Stunden weniger Schule am Tag. Die Schule würde um 8 Uhr morgens beginnen und wäre um 14 Uhr aus. Mit einem solchen Modell müsste es eigentlich weniger Burn-out-Fälle geben. Wenn ich mit Lehrpersonen spreche, fällt mir auf, dass die Belastung je nach Schulsystem unterschiedlich ist. Alters-gemischte Klassen scheinen offenbar besser zu funktionieren, weil sie disziplinarisch einfacher zu führen sind. Weiter gilt es zu über-legen, wie man mehr körperliche Aktivitäten in den Schulalltag integrieren und interne Ressourcen besser nutzen kann, insbesondere diejenigen der Kinder und der Eltern.

Gibt es einen Präventions-Ansatz von der Persönlichkeit her?
Es stellen sich Fragen nach dem Ausgleich, nach dem Umfeld, in dem sich die Lehrpersonen bewegen. Leute, die über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügen, haben es einfacher. Oft ist das Thema Abgrenzung schwierig. In der Ausbildung würde ich deutlich stärker an der Persönlichkeitsbildung arbeiten. Ich wünsche mir Lehrpersonen, die als Person verantwortlich hinstehen und sagen, ich mache etwas so, weil ich es so mache. Die trotz Vorgaben, trotz Lehr-plan auch eigene Wege gehen. Eine andere Möglichkeit wäre auch zu sagen: Als Dessert des Lebens, ab 40 und mit der nötigen Lebenserfahrung, darf man noch Lehrer werden. Vorher müsste man etwas anderes als Schulzimmer gesehen haben. Mit höherem Alter und Lebenserfahrung auch aus andern Bereichen hätten diese Menschen vermutlich weniger Mühe mit Disziplin. Der Unterricht wäre lebensnaher und damit vermutlich auch spannender, weil Erfahrung mit Wissen gekoppelt würde. Für die Schule wären mehr Quereinsteiger ein Gewinn. Statt sich Sorgen zu machen, wie man junge Lehrpersonen behalten kann, könnte man auch über-legen, wie man lebenserfahrene Menschen für den Beruf gewinnen kann.

Lic. phil. Andi Zemp ist Fachpsychologe für Psychotherapie FSP und Leitender Psychologe der Privatklinik Wyss AG in Münchenbuchsee.

Interview: Franziska Schwab