Beobachter, Text: Gian Signorell und Martin Müller; Fotos: Marco Zanoni, 22.8.2014

Burn-out Arbeiten bis zum Umfallen

Als PDF zum Download

Stress am Arbeitsplatz nimmt zu. Immer mehr überschreiten bewusst Grenzen und zahlen mit einer Erschöpfungsdepression.

Warnsignale hatte es viele gegeben. Doch der frühere Kommunikationschef des Bundesamts für Zivilluftfahrt, Daniel Göring, hatte sie alle ignoriert. Etwa an jenem Dienstag, als ein Kollege ihm lachend auf die Schulter geklopft und gefragt hatte, wie denn die Ferien gewesen seien. «Welche Ferien?», fragte Göring zurück. Dabei war er erst vor drei Tagen aus einem dreiwöchigen Urlaub zurückgekehrt: «Die Ferien lagen in meiner Erinnerung weit zurück. Ich hatte mich kein bisschen erholt.»

Die Mailbox übervoll, im Kalender bereits wieder Termin an Termin. Diese Erfahrung machen viele der Ferienrückkehrer. Doch während die meisten mit vollen Batterien ins Büro zurückkehren und sich trotz Montagsschock ausgeruht an die Arbeit machen, haben andere den Eindruck, sie seien gar nie fort gewesen.

«Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Balance zwischen Arbeit und Freizeit nicht mehr stimmt. Betroffene sollten sich unbedingt professionelle Hilfe holen», sagt Melitta Breznik, Spezialistin für Stressfolgeerkrankungen an der Klinik Schützen in Rheinfelden. In der Zeit nach den Ferien ersuchen besonders viele Erschöpfte um Hilfe. «Zunehmend melden sich auch Patienten zu Ferienbeginn für einen Kurzaufenthalt. Sie leiden an einer Burn-out-Symptomatik und glauben, sie könnten in drei Wochen geheilt werden, ähnlich wie man sein Auto zur Reparatur bringt.»

Ein Streifzug durch den Rayon Psychologie in Buchhandlungen zeigt: Das Thema Burn-out ist hoch im Kurs. «Erprobte Wege aus der Falle», «Wenn die Maske zerbricht» oder «Die Burn-out-Lüge. Was uns wirklich schwächt und wie wir stark bleiben» heissen beliebte Titel. Katja Cattapan, Chefärztin im Sanatorium Kilchberg, sagt: «Aus meiner knapp 20-jährigen Psychiatrieerfahrung weiss ich: Die Nachfrage nach Spezialangeboten im Bereich Burn-out hat deutlich zugenommen.» Konkrete Zahlen gibt es aber nicht, denn Burn-out ist keine klinische Diagnose.

Dieser mächtige Wunsch, sich aufzulösen

Daniel Göring brauchte über ein Jahr, um zu verstehen, warum er eines Morgens die Person, die ihm im Badezimmerspiegel entgegenblickte, nicht wiedererkannte. «Warum tue ich mir das bloss an?» Das war im Dezember, in einem Hotelzimmer in Andermatt. Das Dröhnen des Schneepflugs hatte ihn aus dem Schlaf geschreckt. Es hatte geschneit, er würde sein Auto freischaufeln müssen. Dann die anstrengende Fahrt auf der vereisten Strasse die Schöllenen hinab, Termine, Zwänge, Arbeitstage von zwölf Stunden und mehr. Nichts ergab mehr Sinn. Da war nur noch dieser urmächtige Wunsch, zu verschwinden, sich im Nichts aufzulösen. Von diesem Morgen an begann Göring systematisch in den Apotheken Medikamente zu kaufen. Immer nur kleine Mengen, niemand sollte Verdacht schöpfen. Das Rezept für den Cocktail, der ihn auf die «letzte Reise» schicken würde, hatte er im Internet gefunden.

Arbeiten bis zum Umfallen: Experten prägten dafür den Begriff «interessierte Selbstgefährdung». Werktätige gehen krank zur Arbeit, verzichten auf Erholungspausen, arbeiten zehn Stunden am Tag, am Wochenende oder in den Ferien. «Wer aus Angst vor Misserfolg oder in der Hoffnung auf Erfolg die Risiken für die eigene Gesundheit ignoriert, will sich dabei nicht stören lassen. Die Gesundheitsgefährdung wird verheimlicht. Das ist neu», sagt Andreas Krause, Spezialist für betriebliches Gesundheitsmanagement. Früher hätten Chefs befürchtet, dass gesunde Mitarbeiter krankfeierten, heute täuschten die Mitarbeiter dem Chef Gesundheit vor.

Die Ursache sieht Krause in neuen Managementkonzepten, mit denen sich die Produktivität steigern lässt. Viele Firmen hätten Profitcenter und die Orientierung an Benchmarks eingeführt. Mitarbeitende erhielten Zielvorgaben; wie sie das Ziel erreichten, bleibe ihnen überlassen. Bei Nichterreichen von Renditezielen drohe die Schliessung von Werkteilen oder Abteilungen. «Die neuen Führungsmethoden tragen den marktwirtschaftlichen Wettbewerbsdruck weit ins Unternehmen hinein. Im Prinzip machen sie jeden Mitarbeitenden zu einem kleinen Entrepreneur», sagt Krause. So steigt die Rendite – aber auch der Stress für die Beschäftigten.

Das belegt eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). 34 Prozent der Erwerbstätigen gaben 2010 an, im Beruf «häufig» oder «sehr häufig» Stress zu erleben. Zehn Jahre früher waren es 26 Prozent gewesen. Der Anteil chronisch gestresster Werktätiger stieg damit um 30 Prozent. Im Jahr 2000 schätzte das Seco die stressbedingten Absenz- und Behandlungskosten auf 4,2 Milliarden Franken.

Urs Näpflin, zuständig für das betriebliche Gesundheitsmanagement bei der Suva, sagt, man müsse das Problem ernst nehmen, warnt aber vor Dramatisierungen: «Der Stress hat zugenommen, aber viele haben gelernt, damit umzugehen.» Näpflin verweist auf die Ergebnisse der Schweizerischen Gesundheitsbefragung. Der Zeitvergleich zeige keine Erhöhung der arbeitsbezogenen psychischen Belastungen. Allerdings stammen die Daten aus dem Jahr 2007. Die Folgen der Schulden und Finanzkrise von 2008 sind darin nicht berücksichtigt. Seither dreht sich das Karussell wieder schneller. Für den Arbeitspsychologen Christian Korunka ist die Beschleunigung das zentrale Kennzeichen der modernen Arbeitswelt: «Die Bedingungen ändern sich ständig. Wir müssen immer mehr eigenverantwortliche Entscheide treffen und engagieren uns am Arbeitsplatz viel intensiver. » Ein Brief sei früher einen Tag unterwegs gewesen, heute reise eine Mail im Nu um die Welt. Daten werden in Sekundenschnelle ausgetauscht, die Verkehrsinfrastrukturen sind viel leistungsfähiger. Die meisten Menschen seien aber sowohl Opfer wie Verursacher der Beschleunigung. «Wer im Callcenter anruft, will sofort bedient werden. An die Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung denken wir dabei kaum», sagt Korunka.

«Nie stillstehen, niemals innehalten», das war auch das Motto von Zoltan Cordas. Jahrelang trainierte der ehemalige Handballprofi fünf Mannschaften. Daneben erteilte er behinderten Kindern Sportunterricht. Das hiess: pro Woche über 700 Autokilometer plus stundenlanges Vorbereiten der Trainings, vor allem für seinen Hauptklub, den NLB-Verein TV Endingen. Daneben hatte der 52-Jährige einen 50-Prozent-Job bei ABB. Der Österreicher mit serbischungarischen Wurzeln war verantwortlich für die Kontakte auf dem Osteuropa-Markt. «Die Ferien habe ich immer so gelegt, dass ich vor Ort in Slowenien ein paar Geschäftstermine abmachen konnte», sagt Cordas. Freie Wochenenden habe es nicht gegeben, Hobbys auch nicht. Die ständige bleierne Müdigkeit ignorierte er.

Bis zum Tag im letzten April, als sein Team gegen Basel um den Aufstieg in die Nationalliga A kämpft. Kurz vor Schluss liegt die Mannschaft hoffnungslos zurück. Cordas bricht am Spielfeldrand zusammen. Spieler und Zuschauer werden Zeugen – für ihn bis heute ein traumatisches Erlebnis. Nach dem Kreislaufkollaps und dem Spitalaufenthalt folgt eine dreimonatige intensive Burn-out-Therapie. Als Erstes wirft Cordas die Armbanduhr weg, das Handy bleibt über zwei Monate lang ausgeschaltet.

«Viele Patienten haben verlernt, nichts zu tun», sagt Andi Zemp, Leiter des Burnout-Programms der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee. Ihnen tue es gut, wenn sie in der Klinik als Erstes zur Ruhe kommen, «offline» gehen, wie Zemp es nennt. Ist der ausgebrannte Patient wieder aufnahmefähig, beginnt erst die eigentliche Therapie. Neben Gruppengesprächen wird in Rollenspielen das Verhalten reflektiert. «Ein Burn-out hat viele Ursachen», sagt Zemp. Viele Patienten verausgabten sich, weil sie nicht Nein sagen könnten. Besonders gefährdet seien Menschen mit mangelndem Selbstwertgefühl. Sie suchen Anerkennung durch herausragende Leistung und laufen dabei Gefahr, die Grenzen der Leistungsfähigkeit zu überschreiten.

Der Trend zur permanenten Optimierung

«Wir leben in einer atemlosen Gesellschaft, verlangen uns gegenseitig immer mehr ab», sagt Zemp. Er beobachtet einen Trend zur ständigen Optimierung, im Beruf wie auch privat. «Sehen Sie sich nur einmal an, was sich nach Arbeitsschluss in den Zügen, Trams und Bussen abspielt: Die Leute hängen am Smartphone, planen, organisieren, machen ab. Niemand will etwas verpassen. » Was bei der ganzen Hektik und Betriebsamkeit unbemerkt verlorengehe, sei die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu leben. Seine Patienten schickt Zemp darum am liebsten in den Supermarkt. Zu Stosszeiten, wenn es besonders viele Leute hat. Dort gibt es eine kleine Übung. Die Patienten müssen ein Brot oder einen Liter Milch kaufen, sich in die Warteschlange einreihen und der Person hinter ihnen anbieten: «Sie können gern schon einmal vorgehen.» Es sei erstaunlich, was das auslösen könne. «Viele erleben ein Gefühl der Ruhe und Gelassenheit», sagt Zemp. Auch von Unbeteiligten gebe es mitunter überraschende Reaktionen. Manche verstünden überhaupt nicht, was abgehe. «Andere sagen freundlich und spontan: ‹Sie haben eigentlich recht›, und es entwickeln sich spannende Diskussionen.»

Das Bewusstsein für die Burn-out-Problematik scheint in vielen Unternehmen geweckt. «Ich bekomme jede Woche mehrere Anfragen von Unternehmen, die mich um Rat fragen oder zu Vorträgen einladen», sagt Zemp. Personalabteilungen der grossen Konzerne haben Leitlinien erlassen zum Umgang mit elektronischen Medien. Etwa die Swisscom. «Wir erwarten keinesfalls von den Mitarbeitenden, dass sie in ihrer Freizeit arbeiten und rund um die Uhr erreichbar sind», sagt Sprecherin Annina Merk. ABB bemüht sich, Burn-out-Betroffene nach ihrer Genesung im Unternehmen an anderer Stelle weiterzubeschäftigen, auch wenn die Person nicht in ihr angestammtes Arbeitsumfeld zurückkehren kann. «Burn-out kann jeden betreffen. Wir sensibilisieren unsere Vorgesetzten dafür, Anzeichen von Stressbelastungen zu erkennen», sagt Sprecher Markus Gamper.

Kurzer Schlaf und um 4.30 Uhr aufstehen

Doch es gibt Ausnahmen. Etwa jener global ausgerichtete Finanzkonzern, in dem Christian Zuber* arbeitete. Ihm und seinem Team oblag es, die Wirkung staatlicher Regulierung auf die Unternehmungen zu analysieren, eine hochkomplexe Denkarbeit. Irgendwo auf der Welt wird immer gearbeitet. Gehen die Menschen in Asien zu Bett, wachen sie in den USA auf. Der Informationsstrom reisst nie ab.

Zubers Wecker schellte werktags nach fünf Stunden Schlaf um 4.30 Uhr, an den Wochenenden etwas später. «Mein Leben kam mir vor, als sässe ich in einem Hochgeschwindigkeitszug, der durch einen gläsernen Tunnel fährt», sagt Zuber. Mitten in der Nacht aufstehen, stehend in der Küche Kaffee trinken, im Auto zur Arbeit am Handy hängen, im Büro um sieben Uhr die erste Telefonkonferenz mit Asien, die letzte um 20 Uhr mit New York. Freizeit? Fehlanzeige. Zuber: «Für mich wurden solche Arbeitstage zum Normalsten der Welt.»

Der Umgangston im Unternehmen war rüde. Jeder habe sich als Einzelkämpfer verstanden. Auf dem Weg zur Sitzung habe es Rempeleien gegeben, weil Kollegen den besseren Platz am Tisch ergattern wollten. «Konstruktive Diskussionen mit Vorgesetzten gab es nicht, geführt wurde im angelsächsischen Stil mittels Kurznachrichten von Blackberry zu Blackberry», sagt Zuber. Flapsige Sprüche, getippt im Gang oder im Lift zwischen Sitzungen. «Just do it!» habe die Order gelautet oder: «Take leadership! » Wer nicht spurte, erhielt schlechte Noten oder wurde etwa mit der Drohung auf Linie gebracht, ihm würden Projekte entzogen. «Ich gab in aller Eile zusammengeschusterte Arbeiten ab, hinter denen ich keinesfalls stehen konnte. Das interessierte keinen. Grosse Teile der Finanzbranche funktionieren heute so», sagt Zuber.

Eines Morgens wachte Zuber auf und fühlte sich wie tot. «Mein Körper weigerte sich, irgendetwas zu tun.» Er schleppte sich zum Arzt. Der schrieb ihn auf unbestimmte Zeit krank. Zubers Körper reagierte heftig, mit Muskelzittern, Nackenstarre, Ausschlägen. Die folgenden Wochen waren hart. «Man fällt und fällt», erzählt er. In der Therapie fand der Arzt, es mangle Zuber an Selbstverantwortung und Eigenliebe. «‹Hey! Bin ich etwa ein Junkie, der verwahrlost unter der Brücke haust?› Das war meine erste Reaktion.» Doch allmählich habe er verstanden, was er sich und seiner Familie zugemutet habe. «Ich musste in der Klinik ein detailliertes Tagebuch zu meiner üblichen Zeiteinteilung anfertigen. » Eine Woche zählt 168 Stunden. Zubers Woche zählte 75 Arbeitsstunden.

Neun Monate liegt diese Zeit jetzt zurück. Zuber hat Konsequenzen gezogen und plant den Berufswechsel. Er hat wieder Augen für «Blüemli und Chäferli», wenn er spazieren geht. Auch Handballtrainer Cordas ist auf dem Weg zur Besserung. Daniel Göring hat seine Erfahrungen in einem Buch verarbeitet und hält Referate zum Thema Burn-out.