Aargauer Zeitung, 21.10.2014, von Antonio Fumagalli

Burnout – neues Wort, altes Leiden

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Schon Bismarck und Co. litten unter Stress – doch das Problem nimmt zu.

SVP-Nationalrätin Natalie Rickli hat eins gehabt. Ex-Natitrainer Ottmar Hitzfeld ebenfalls. Und der langjährige Swisscom-CEO Carsten Schloter sah sogar keinen anderen Ausweg aus seinem Burnout, als sich im Juli 2013 das Leben zu nehmen. Spätestens seitdem zahlreiche Fälle von prominenten Persönlichkeiten publik wurden, ist der Begriff Burnout in aller Munde. Dabei ist der Zustand von akuter Erschöpfung kein neues Phänomen – nur wurden dafür früher andere Terminologien verwendet. Die berufliche Tätigkeit rückte im 19. Jahrhundert mehr und mehr in den Vordergrund – und mit ihr eine eigentliche Heiligsprechung der Arbeit. Man begann, sich über seinen Job zu definieren, sogar Künstler und Literaten gerieten in den Bann eines regelmässigen Arbeitspensums. Mit dem sich verändernden Gewicht des Berufslebens diagnostizierten Ärzte zunehmende Krankheitsbilder, die sie so zuvor nicht kannten: erschöpfte und energielose Patienten, die zu einer kontinuierlichen Tätigkeit nicht mehr in der Lage waren. Der Begriff der «Neurasthenie» machte die Runde und wurde als hinzunehmende Begleiterscheinung des modernen Lebens erachtet. Schon damals waren auch Repräsentanten der Hochkultur von nervösen Symptomen und Erschöpfungszuständen betroffen – etwa Otto von Bismarck oder Friedrich Nietzsche.

«Allgemeines Phänomen»

Das Phänomen von beruflicher Überarbeitung hat in den letzten Jahren zugenommen. Grund dafür ist das Aufkommen von Kommunikationsmitteln, die eine ständige Erreichbarkeit ermöglichen und die zunehmende Verbreitung von Berufsfeldern, in denen die Arbeitszeit der Angestellten nicht systematisch erfasst wird. Das hat zumindest die Stressstudie 2010 des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) ergeben: Im Vergleich zur ersten Erhebung im Jahr 2000 stellte das Seco einen deutlichen Anstieg von Stress am Arbeitsplatz fest. «Es scheint ein allgemeines Phänomen zu sein, denn es lassen sich keine spezifischen Berufe und Branchen herauskristallisieren, die im besonderen Mass betroffen sind», hielt das Seco fest. Neuere Zahlen bestätigen die Erkenntnis. So ergab eine Studie im Auftrag von Gesundheitsförderung Schweiz, dass fast jeder vierte Schweizer Arbeitnehmer im Job übermässig gestresst ist. Der Schweizer Wirtschaft entgehen dadurch jährlich rund 5,6 Milliarden Franken (siehe Ausgabe von gestern).

Der «Stressor»

Einem Burnout haftet ein geringeres soziales Stigma an als verwandten Diagnosen wie einer Depression oder einem Nervenzusammenbruch. Zudem sind psychische Symptome anders als bei körperlichen Krankheiten objektiv schwieriger messbar. Kritiker monieren deshalb, dass die Hemmschwelle für Ärzte, einem Patienten ein Burnout zu diagnostizieren, zu tief sei. Für Andi Zemp, Leiter des Burnout-Programms der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee BE, hat der Begriff aber Vorteile: «So holen sich Patienten bei Erschöpfungsanzeichen früher professionelle Hilfe. Das verhindert oftmals eine belastende und teure Behandlung», sagt er. Kommt ein Betroffener in die Klinik, versucht Zemp im Gespräch die Stressfaktoren zu isolieren und Veränderungsmöglichkeiten auszuloten. Nicht jeder «Stressor» muss zwingend zur Belastung werden. Wer nämlich über Handlungsspielraum verfügt, um über deren Einteilung selbst zu bestimmen, kann sich eher entlasten. Aus diesem Grund sind Kaderleute in der Bilanz sogar weniger ermattet als Angestellte ohne Führungsaufgaben – auch wenn die Stressfaktoren zahlreicher sind.