Berner Zeitung, 31.1.2011, Von Vera Hächler. Aktualisiert am 31.01.2011

«Kopf hoch!»: Damit können Depressive nur wenig anfangen

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Wenn der Lebenspartner an einer Depression erkrankt, kommt nicht selten auch der Gesunde an seine Grenzen. Der Psychotherapeut Franz Caduff ist überzeugt, dass der gesunde Partner keineswegs hilflos ist und dem Erkrankten auf seinem Weg aus dem Dunkel eine grosse Stütze sein kann.

Wie erkennt man, dass der Partner nicht nur eine kleine Verstimmung hat, sondern wirklich an einer Depression leidet? Was sind die ersten Anzeichen?
Franz Caduff: Die Übergänge zwischen vorübergehender Unlust, Erschöpfung, Traurigkeit und einer Depression sind fliessend. Deshalb sind die Anfänge einer Depression – vor allem, wenn der Betroffene noch nie vorher an einer solchen gelitten hat – schwierig auszumachen. Meist beginnt es mit einem Abflauen des Interesses, mit Motivationsproblemen, Müdigkeit und Schlafstörungen. Der Betroffene wird still, zieht sich zurück, hat an nichts mehr Freude. Wenn sich diese Zeichen verstärken und/oder nach zwei Wochen noch immer vorhanden sind, besteht zumindest der Verdacht, dass es sich um eine beginnende Depression handelt.

Ist eine schlechte Partnerschaft der Auslöser für eine Depression?
Nebst Vererbung, Verlustereignissen, Arbeitslosigkeit und anderem gelten tatsächlich auch Probleme in der Partnerbeziehung zu den möglichen Auslösern einer Depression.

Wird ein Mensch auch depressiv, wenn er sich in einer stabilen und glücklichen Partnerschaft befindet?
Ja, eine Depression kann durchaus bei Menschen auftreten, die in einer stabilen, glücklichen Partnerschaft leben. Dies ist vor allem auch deshalb wichtig zu wissen, damit allfälligen Schuldgefühlen begegnet werden kann, die sich gesunde Partner machen. Die Wechselwirkungen zwischen Depression und Partnerschaft sind komplex. In jedem Fall ist eine Depression eine Belastung für die Partnerschaft.

Inwiefern kann der Partner eine Stütze sein? Welche Massnahmen kann, soll er ergreifen?
Der gesunde Partner sollte eine verlässliche Stütze sein, ohne sich mit Aufmerksamkeit, Einfühlungsvermögen, Motivation und Hilfestellung selbst zu überfordern. Häufig ist weniger besser als mehr, dafür «reicht der Atem länger». Depressive sollen durchaus zu Aktivitäten und zur Übernahme einer begrenzten Verantwortung animiert werden, beispielsweise kleinerer Arbeiten, Tätigkeiten im Haushalt, Botengängen oder Spaziergängen. Bewährt haben sich eine gewisse Struktur in Zuwendung und Aufmerksamkeit – nicht ständig, dafür 20 Minuten am Abend für den Partner da sein – und Motivation, wie auch eine ruhige Atmosphäre zu Hause.

Welche Wirkung haben Worte wie zum Beispiel «Kopf hoch! Es ist doch alles gar nicht so tragisch!» auf eine kranke Person?
Der Depressive kann damit wenig anfangen. Im schlimmsten Fall fühlt er sich noch schuldiger.

Was soll der Partner auf keinen Fall sagen oder tun?
Drohungen wie «Wenn dies nicht bessert, verlasse ich dich», Entwertungen wie «Mit dir kann man ja nichts mehr anfangen» und Schuldzuweisungen wie «Wenn du anders gelebt hättest, wäre dies nicht passiert» sollten – wenn überhaupt – erst nach Abklingen der Depression geäussert werden.

Kann ein erkrankter Mensch seinen eigenen Zustand selbst beeinflussen und verbessern?
Dies kommt sehr auf den Schweregrad der Erkrankung an. In schweren Depressionen ist dies kaum mehr möglich, bei leichteren Formen ist dies begrenzt der Fall. Dies betrifft vor allem das Aktivitätsniveau. Ein bisschen kann und soll sich auch der Depressive zu ihm zumutbaren Tätigkeiten forcieren lassen. Hingegen lassen sich Stimmung, Schuldgefühle und vegetative Symptome, wie Schlaf und Appetitveränderungen, willentlich kaum beeinflussen.

Was für einen Einfluss hat Sex auf Depressive?
Betroffene haben in depressiven Phasen weniger bis kein Interesse an Sex, was der Partner respektieren sollte. Kuscheln kann jedoch einen Ersatz bieten. Nach dem Abklingen der Depression sollte beachtet werden, dass gewisse Antidepressiva das sexuelle Verlangen vermindern, was sich aber eventuell durch den Wechsel auf ein anderes Präparat beheben lässt.

Was haben Sie für Erfahrungen gemacht bezüglich Partnerschaften und Depressionen? Wie reagieren die gesunden Partner auf die Diagnose «Depression»?
Erkrankt ein Mensch erstmals an einer Depression und wird die Diagnose dadurch erst nach einer gewissen Zeit gestellt, reagiert der gesunde Partner in der Regel mit einer gewissen Erleichterung. So nach dem Motto: «Nun weiss ich wenigstens, was mein Partner hat.» Begibt sich der Erkrankte in eine Behandlung, macht sich der gesunde Partner Hoffnungen, dass sich etwas bessert. Selbstverständlich können beim gesunden Partner auch Schuldgefühle auftreten. Von diesen sollte jedoch der Gesunde vom Therapeuten des Erkrankten zumindest so lange entlastet werden, wie der kranke Partner in einer Depression steckt. Kommt es beim Partner wiederholt zu Depressionen, kann dies beim Gesunden Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut auslösen.

Kann der Partner den Therapeuten ersetzen?
Nein, das sollte er gar nicht versuchen. Es würde weder dem Gesunden noch dem Kranken langfristig helfen.

Darf der Gesunde mit Freunden und Familie sprechen oder sogar einen Therapeuten einschalten?
Gespräche mit Freunden und Angehörigen sind sehr wichtig und können dem gesunden Partner helfen, die «Durststrecke» der Depression zu überstehen. Auch die Einschaltung eines eigenen Therapeuten kann nützlich sein. Generell ist es nicht gut, etwas hinter dem Rücken des Patienten zu unternehmen. Sollte sich dieser jedoch vehement querstellen, hat der gesunde Partner das Recht, für sich Hilfe zu holen. Wichtig ist auch, dass der Gesunde sein eigenes Leben weiterlebt, arbeitet und sich ab und zu einen Nachmittag alleine gönnt.

Wie soll sich der Partner verhalten, wenn der Erkrankte Suizidgedanken äussert?
Spätestens dann ist die Einschaltung eines Arztes und/oder eines Therapeuten unbedingt notwendig. Wenn Gefahr im Verzug ist, auch die Polizei.

Kann eine dauerhafte Trennung die Lösung sein?
Bestehen wegen oder unabhängig von der Depression des einen Partners unüberwindliche Paarprobleme, so kann eine Trennung eine Option sein. Wenn möglich sollte sie jedoch in der Phase der schweren Depression vermieden werden, um beim Erkrankten keine akute Verzweiflung auszulösen.

Was halten Sie von Paartherapie während einer depressiven Phase?
Während einer Depression ist eine Paartherapie in den meisten Fällen eine Überforderung des Kranken. Nach Abklingen der Depression kann sie hilfreich sein. Vor allem dann, wenn der Eindruck besteht, dass partnerschaftliche Probleme zur Erkrankung beigetragen haben oder die Depression die Partnerschaft bis an die Grenzen belastet hat.

Was für eine Rolle spielen Medikamente bei der Behandlung?
Sie sind ein Teil der Lösung; zumindest für mittelschwer bis schwer Erkrankte können sie eine grosse Hilfe sein.

Besteht die Möglichkeit, eine Depression von Anfang an zu verhindern?
Wenn dies möglich wäre, bräuchte es bedeutend weniger Therapeuten, Spitalbetten und IV-Leistungen. Das Rezept wäre sicher nobelpreiswürdig.