Medizinaktuell, Ausgabe Bern, April 2012

Wenn die Männerseele nicht mehr mag

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Depressionen gehören in der Schweiz zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Frauen erkranken doppelt so häufig daran wie Männer, doch diese begehen öfter Selbstmord. Der Psychiater Franz Caduff, Chefarzt der Privatklinik Wyss, äussert sich im Interview zu Geschlechtsunterschieden in Bezug auf Depressionen.

Depression

Frauen erkranken ungefähr doppelt so häufig an Depressionen wie Männer. Ist die Depression vor allem eine Frauenkrankheit?

Dr. med. Franz Caduff: Nein, sicher nicht, obwohl man aufgrund der Zahlen darauf schliessen könnte. 25 Prozent der Frauen erkranken im Verlauf ihres Lebens an einer mittelschweren bis schweren Depression, bei den Männern sind es etwa zwölf Prozent – das ist immer noch eine stolze Zahl. Weil die Frauen eher an der klassischen Depression erkranken, wird diese auch besser und meist früher erkannt und kann entsprechend behandelt werden. Beim Mann wird die Krankheit noch eher tabuisiert, vielfach fühlt dieser sich nicht krank oder es fällt ihm schwer zuzugeben, dass etwas nicht stimmt.

Sie sprechen von der klassischen Depression. Was sind deren Anzeichen?

Dazu zählen Symptome wie Antriebslosigkeit, Schlafstörungen, mangelnde Zukunftsperspektiven, Verzweifeln am Leben bis hin zu Selbstmordgedanken.

Bei Männern äussert sich eine Depression anders?

Teilweise. Viele Männer weisen ebenfalls die beschriebenen Symptome der klassischen Depression auf, sind verstimmt und bedrückt. Andere wiederum leiden unter der sogenannten «atypischen» Depression, die auch als «männliche» Depression bezeichnet wird. Diese wird häufig durch die Betroffenen und ihr Umfeld nicht erkannt und in der Folge auch nicht ärztlich untersucht und behandelt. Diese «männliche» Depression äussert sich durch Anzeichen wie etwa Ärgerattacken, ständige Gereiztheit, schnelles Aufbrausen, weniger durch Rückzug und Apathie. Da reicht dann oft ein einziger Tropfen, der das Fass zum «Überlaufen» bringt, einen Wutausbruch provoziert. Typischerweise klagen Betroffene oft auch über körperliche Symptome wie Herzkreislaufbeschwerden (Bluthochdruck, Schmerzen im Brustraum, Schwindel).

Jeder wütende Mann versteckt depressiv - wohl kaum oder?

Nein, so einfach ist es nicht. Ständige Aggressivität und ihre Ausprägung ist grundsätzlich ein Persönlichkeitsmerkmal und kein primäres Anzeichen für eine depressive Erkrankung. Männer, die an einer atypischen Depression leiden, haben sich jedoch im früheren, «gesunden» Leben meist völlig normal verhalten, sind also weder als besonders cholerisch, explosiv oder impulsiv aufgefallen. Erst in einer Krankheitsphase können sie plötzlich «explodieren».

Gibt es Lebenssituationen, in der Männer für depressive Störungen besonders anfällig sind?

Auslösende Situationen finden sich oft im beruflichen Umfeld. Beispiele sind plötzliche Arbeitslosigkeit, Über- oder Unterforderung, das Gefühl des Nichtgenügens, eine Karriere, die nicht wie gewünscht verläuft. Selbstverständlich können auch Probleme in der Partnerschaft, Trennung und Partnerverlust Männer depressiv machen. Diese Gründe fallen allerdings – im Gegensatz zu den Frauen - eher weniger ins Gewicht oder werden vom Mann als sekundär angesehen. Gerade weil der Mann Arbeit, Beruf und Erfolg deutlich mehr Stellenwert beimisst – was ja auch gesellschaftlich so vorgegeben wird – reagiert er entsprechend sensibler auf belastende Situationen im Berufsalltag, sensibler als auf Spannungen im Privatleben. Bezeichnend ist zudem, dass Männer mit psychischen Störungen lange Zeit nicht merken, dass sie krank sind und Hilfe benötigen, sondern die Beschwerden auf ein allgemeines Unwohlsein zurückführen, sich gestresst und unter Druck fühlen – bis dann plötzlich gar nichts mehr geht.

Wie stark sind depressive Männer suizidgefährdet?

Frauen versuchen häufiger, sich das Leben zu nehmen, aber Männer sind darin «erfolgreicher». Ein besonderes Suizidrisiko besteht statistisch betrachtet bei alten und einsamen, wie auch bei Männern im jungen Erwachsenenalter. Warum? Alte, alleinstehende Männer werden von der Gesellschaft oft als «grantelige Alte» wahrgenommen, werden ausgegrenzt oder sondern sich selbst ab. Jüngere dagegen haben Mühe mit dem Leistungsdruck, den hohen Erwartungen an sie, dem vermeintlichen Gefühl, immer und in allen Situation nicht nur zu genügen, sondern überragend sein zu müssen.

Wie kündigen sich solche drohende Suizide an?

Bei älteren Männern, die zurückgezogen leben, keine oder wenige soziale Kontakte pflegen, fällt es natürlich sehr schwer, entsprechende Anzeichen zu orten. Warnzeichen sind allenfalls auffälliges Aufräumen, Ordnen der Papiere, Rückzug aus den täglichen Verpflichtungen. Anders sieht es bei jungen Erwachsenen aus. Natürlich, auch hier können Verschlossenheit oder Schamgefühle der Betroffenen es für Nahestehende schwer machen, Zugang zu finden und das Ausmass ihrer Not zu erkennen. Spätestens bei Suizidandeutungen oder gar Vorbereitungshandlungen sollten bei den Angehörigen jedoch die Alarmglocken läuten.

Und wie wird die Depression beim Mann behandelt?

Grundsätzlich gleich wie eine depressive Erkrankung bei der Frau, nämlich durch Medikamente und ambulante oder stationäre psychotherapeutische Massnahmen. Der grösste Unterschied liegt darin, dass betroffene Frauen rascher ärztliche Hilfe beanspruchen als Männer. Diese wenden sich in der Regel zuerst an ihre Partnerin, was den Beginn einer ärztlichen Behandlung verzögert und häufig auch das familiäre Klima stark belastet und alle Beteiligten überfordert. Deshalb ist es so wichtig, dass sich auch Männer schneller an eine Fachperson wenden. Dies zu tun hat nichts mit persönlichen Versagen zu tun – ein Gefühl, das Betroffene häufig haben. Weigert sich der Mann, zum Arzt zu gehen, dann sollte sich zumindest die mitbetroffene Partnerin an eine Beratungsstelle wenden und für sich selbst Hilfe in Anspruch nehmen.

Welche Prognose haben erkrankte Männer?

Die Aussichten sind gut: In rund 60 bis 70 Prozent der Fälle ist die Krankheit heilbar. Es besteht allerdings ein relativ hohes Rückfallrisiko, daher ist es sehr wichtig, dass man während der Therapie den möglichen Auslösern der Depression auf die Spur kommt, dass man bereit ist, gewisse Verhaltens- und Lebensweisen zu ändern. Viele Männer haben die Tendenz zu glauben, dass sie – wie ein Auto – in einer Reparaturwerkstatt wieder hergestellt werden können. Doch eine Depression ist keine Grippe, die kommt und nach zehn Tagen ausgestanden ist, sondern sie ist ein «Schuss vor den Bug», ein Zeichen, dass die Seele nicht mehr mag.

Zum Schluss: Wie gehen Sie selber mit Belastungssituationen um?

Wie die meisten Menschen habe ich über die Jahre ein paar Dinge herausgefunden, die mir gut tun; dazu gehört das Zusammensein mit meiner Partnerin und den Kindern, Humor, Spaziergänge mit dem Hund, die Lektüre von Biographien über Menschen, die es schwerer haben als ich, wie auch – trotz zweier linker Hände – das Basteln von Kaninchen- und Vogelkäfigen. Die Depression ist ein

«Schuss vor den Bug», keine Grippe, die nach zehn Tagen ausgestanden ist.

Privatklinik Wyss: Die Wertschätzende

Während der Behandlung in der Privatklinik Wyss werden die Patientinnen und Patienten von einem gut ausgebildeten und erfahrenen Ärzte-, Pflege- und Therapeutenteam begleitet. In regelmässigen Sitzungen interdisziplinärer Teams tauschen die beteiligten Fachpersonen ihre Wahrnehmungen aus und gelangen so zu einem ganzheitlichen Betreuungsansatz, der als oberste Regel die wertschätzende Haltung gegenüber den Patienten beinhaltet. Mithilfe von zahlreichen Gruppenangeboten und Ateliers wie zum Beispiel Tierpark, Holz- und Steinbearbeitung wird den Patientinnen und Patienten ermöglicht, an vorhandene Ressourcen anzuknüpfen. An den drei Standorten der Privatklinik Wyss in Biel (Klinik Linde), Bern (Salemspital) und Münchenbuchsee werden ambulante ärztliche und psychotherapeu-tische Behandlungen, wie auch Gruppentherapien angeboten. Am Hauptstandort vor den Toren Berns in Münchenbuchsee stehen vier Häuser für stationäre Patientenbetreuungen bereit sowie eine Psychotherapie-Tagesklinik und eine Strukturtagesklinik mit wöchentlichen Therapieangeboten.