Berner Zeitung, 21.2.2012, Von Perrine Bischof.

«Ein Kind zu entsorgen ist oft eine Kurzschlusshandlung»

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Am Sonntag fand eine Privatperson ein totes Baby auf einer Müllhalde in Wimmis. Der Psychiater Franz Caduff erklärt, dass es zwei Gruppen von Müttern gibt, die so handeln.

Was sind das für Mütter, die ihr Kind auf der Müllhalde entsorgen?
Dr. med. Franz Caduff:
Es gibt zwei Gruppen von Müttern, die ihre Kinder entsorgen. Zum einen sind es solche, die ihre Schwangerschaft verleugnen oder verdrängen. Dies sind meistens junge, unreife Frauen, die nicht in der Lage sind, das Kind grosszuziehen. Sie leben vielfach in einem instabilen sozialen Umfeld. Es kann aber auch sein, dass die Kultur das Kind nicht zulässt. Wenn man zum Beispiel schwanger wird, aber nicht verheiratet ist. Diese Frauen handeln aus Verzweiflung.

Und die zweite Gruppe?
Dabei handelt es sich um Mütter, die an einer schweren Depression leiden. Sie glauben, dass Sie dem Kind nichts bieten können und ihnen so vieles erspart bleiben würde. Vielmals ist es aber eine Kurzschlusshandlung.

Was geht in diesen Müttern vor?
Die Frauen, die ihr Baby verleugnen, denken wahrscheinlich nur darüber nach, wie sie ihr Kind am schnellsten loswerden können. Die depressiven Frauen haben wahrscheinlich einen leeren Kopf. Die Schuldgefühle kommen erst Tage danach.

Werden solche Mütter bestraft?
Die Tötung von Neugeborenen kommt in allen Kulturen vor und wird nur selten bestraft. Die Mutter ist zur Tatzeit häufig vermindert zurechnungsfähig.

Kann man diesen Müttern überhaupt helfen?
Die Frauen, die depressiv sind, sollten vor, während und nach der Schwangerschaft betreut werden. Studien haben gezeigt, dass Mütter die während der Schwangerschaft depressiv waren, nachher häufig noch depressiver sind. Frauen die ihre Schwangerschaft verleugnen oder verdrängen, ist es schwieriger zu helfen. Hier sollte das Umfeld, der Kindesvater und die Familie die Frau auf die Schwangerschaft ansprechen und sie unterstützen.

Wie kann man ihnen helfen?
Die Familien sollten viel mit der betroffenen Frau sprechen. Zum Beispiel über eine mögliche Adoption oder über die Babyklappe. Es sollte auch darüber geredet werden, das Kind vielleicht doch zu behalten. Wenn die Familie die nötige Hilfe nicht aufbringen kann, muss unbedingt professionelle Hilfe hinzugezogen werden.

Kommt es in der Schweiz oft vor, dass Kinder «entsorgt» werden?
Nein zum Glück nicht. In den letzten Jahren ist die Entsorgung von Babys sogar zurückgegangen. In der Schweiz werden fast nur Wunschkinder geboren.