Im Gespräch mit Pflegeexperten Wilhelmina Zwemer auf dem Sofa mit Sabine Hahn

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Liebe Wilhelmina, herzlichen Dank, dass du dich zu mir aufs Sofa setzt. Du bist ein Mensch, der energiegeladen ist und immer wieder neue Ideen hat oder für neue Ideen zu begeistern ist. Du bist eine Macherin, trotzdem bist du jemand, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Wie geht das zusammen?

Herzlichen Dank für diese Einladung. Solange ich die Begeisterung in meinem Job habe – und das ist nach zehn Jahren Pflegedirektion immer noch so – kommt die Energie von selbst. Die Ideen entstehen aus ganz unterschiedlichen Quellen: Ein kollegiales Gespräch in der Klinik, ein anregendes Buch oder vor Kurzem war ich zum Beispiel beim ENDA(European Nurse Directors Association)-Kongress, wo ich auch wieder spannende Anregungen mitnehmen konnte. Außerdem mache ich Aufgaben nicht gerne halbherzig; dann lieber gar nicht. Ich bin sehr gerne mit anderen Menschen zusammen und erarbeite gemeinsam Themen. Die daraus entstehenden Ergebnisse sollten dabei im Vordergrund stehen, nicht ich.

Das klingt für mich sehr sachorientiert, aber auch praxisnah und handfest. Du kommst aus Holland. Wir Schweizer mögen die Holländer, eventuell ist es ein Vorurteil, aber wir erleben euch als offen, humorvoll, selbstbewusst und engagiert und auch mal dazu bereit, ein Risiko einzugehen. Wir Schweizer sind eher etwas sicherheitsbewusst, das hemmt uns manchmal etwas. Wie kommst du mit der schweizerischen Mentalität zurecht?

Im Kontakt bin ich ziemlich direkt und habe es auch gerne spontan. Ich habe erlebt, dass einige Schweizerinnen und Schweizer mich zu direkt im Kontakt fanden oder sogar etwas erschrocken sind. Holländer erlebe ich vielfach offener und vor allem weniger formell. Am Anfang habe ich sämtliche Fehler mit dem „Du“ und „Sie“ gemacht. In Holland bist du sehr schnell per „Du“ miteinander, denn Holländer haben es gerne unkompliziert. In den vergangenen 23 Jahren in der Schweiz habe ich jedoch nicht nur einen wunderbaren Ehemann gefunden, sondern auch wertvolle Freundschaften schließen können. Als 2008 die Holländer bei der Fußballeuropameisterschaft in Bern gespielt haben, war es für mich das schönste Ereignis zwischen Holländern und Schweizern, wir haben gemeinsam toll gefeiert.

Deine Pflegeausbildung hast du in Holland gemacht. Kannst du mir bitte kurz deinen Werdegang schildern?

Gestartet habe ich mit der berufsbegleitenden Pflegeausbildung, der sogenannten A-Ausbildung, im Akutspital in Holland. Das Praktikum absolvierte ich in einer psychiatrischen Abteilung in einem Regionalspital. Seither ist die Begleitung und Pflege von Menschen mit psychiatrischen Problemen und Störungen meine Berufswelt. Nach dem A-Diplom habe ich dann noch die Pflegeausbildung in der Psychiatrischen Pflege, das sogenannte B-Diplom, gemacht. In der Schweiz bin ich dann nach drei Jahren Psychiatrischer Pflege in meine erste Führungsaufgabe eingestiegen. Danach habe ich eine Ausbildung in Supervision und Organisationsentwicklung absolviert und die Höhere Fachausbildung in Pflege Stufe 2 (HöFa II) zur Pflegeexpertin abgeschlossen. Ich habe gut drei Jahre als Pflegeexpertin gearbeitet. Dies war eine lehrreiche Zeit, jedoch habe ich dabei gemerkt, dass ich keine Frau für eine Stabsstelle bin. Die Stellen der Pflegeexpertinnen sind leider meist Stabsstellen. Führung und Leadership in der direkten Verantwortung passen viel besser zu mir. Ich bin eindeutig ein Alpha-Typ. Seit zehn Jahren bin ich nun Pflegedirektorin in der Privatklinik Wyss im Kanton Bern in der Schweiz.

Was beinhaltet für dich die Aufgabe als Pflegedirektorin?

Für mich ist diese Aufgabe enorm vielseitig. Es braucht Kenntnisse über viele Themen und es braucht einige Zeit bis eine Führungsperson sich in diesen vielseitigen Aufgabengebieten auskennt, aber das ist eben das Spannende. Einige dieser Themen sind Personalführung, Arbeitsrecht, Leadership,

Betriebswirtschaft, Strategieentwicklung und Change-Prozesse, Gesundheitspolitik, Bildungspolitik, Pflegeausbildungen, Pflegeforschung und Pflegeentwicklung, Qualitätsmanagement, Projektleitung.

Ich sehe schon, Führung beinhaltet extrem viele Themen, du bist zudem eine Führungsperson, die auch engagierte Pflegeexpertin ist. Gibt es für dich eine Trennung zwischen Management und Fachinhalt?

Ich bin dankbar, mich als Pflegedirektorin auch einige Jahre stark mit der Pflegeforschung und Pflegeentwicklung auseinandergesetzt zu haben. In einer Führungsposition will ich wissen, was fachlich inhaltlich wichtig ist, damit wir den Patientinnen und Patienten die bestmögliche Pflege anbieten können. Ich will wissen, welche Entwicklungen auf uns zukommen, damit ich diese möglichst früh antizipieren kann. Pflegeentwicklung ist für mich eindeutig Chefsache. Eine Trennung zwischen Management und Fachinhalten ist damit für mich nicht realistisch und schon gar nicht sinnvoll. Ich kann zwar Aufgaben in der Umsetzung delegieren, aber ich muss und will selber Bescheid wissen.

In der Schweiz und auch in Deutschland ist zu beobachten, dass das Pflegemanagement aus der höchsten Führungsebene verdrängt wird. Was hältst du von dieser Tendenz?

Diese Tendenz ist für mich sehr bedenklich. Auch in Holland habe ich solche Bewegungen feststellen können. Um eine gute Pflege anbieten zu können, müssen die Pflegeverantwortlichen auch in den Spital- und Klinikleitungen vertreten sein, weil hier wichtige Entscheidungen getroffen werden. Zum Beispiel können finanzielle oder strukturelle Entscheidungen enorme Folgen auf die pflegerische Betreuung und damit die Pflegequalität haben. Die Verantwortlichen der Pflege müssen hier eindeutig mitbestimmen können. Wer kann sonst in den Leitungsgremien einschätzen, wie diese Entscheidungen in der Pflege am besten umgesetzt werden können? Für eine optimale Patientenbetreuung braucht es unbedingt die interprofessionelle Zusammenarbeit. Für mich muss diese schon in den obersten Gremien sichtbar sein.

Wie konnte es so weit kommen, dass das Pflegekader nicht mehr an Führungsentscheiden auf Klinikebene beteiligt ist?

Einerseits stelle ich fest, dass sich die Verhältnisse in den Führungsgremien geändert haben. Die Finanzen sind noch stärker überlebenswichtig geworden und damit stärker vertreten. Es werden vielerorts neue Organisationsstrukturen geschaffen. Die sind meiner Meinung nach nicht immer besser. Andererseits müssten wir eigentlich diese Entscheidungsträger interviewen und sie fragen, wie es ohne Pflegeverantwortliche gehen soll, da die Pflegenden immer noch die größte Berufsgruppe in den Kliniken und Spitälern sind.

Ein solches Interview wäre vielleicht auch einmal ein Thema für die PPH. Aber zurück zu unserem Interview: Du bist Vizepräsidentin der Konferenz der Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren Psychiatrischer Institutionen (KPP) der Schweiz. Wie passen die Zielsetzungen der KPP zu dieser Entwicklung und was tut die KPP, um sie aufzuhalten?

Ziele der Konferenz sind, die Förderung und Entwicklung der Pflege in der Psychiatrie voranzutreiben, Interessen der Berufsangehörigen innerhalb und außerhalb der institutionellen Strukturen zu vertreten, Berufspolitik zu betreiben und Fort- und Weiterbildung zu gestalten sowie Informations- und Erfahrungsaustausch unter den Mitgliedern zu erleichtern. Um den dringend notwendigen interdisziplinären Austausch zu fördern, hat sich die KPP in einer Kooperation mit der Schweizerischen Vereinigung der Psychiatrischen Chefärztinnen und Chefärzte und der Vereinigung der Direktorinnen und Direktoren der Psychiatrischen Kliniken und Dienste der Schweiz zu Swiss Mental Healthcare zusammengeschlossen. Die KPP beobachtet diese Entwicklung auch mit Sorge. Die KPP bezieht hier klar Stellung, sowohl mündlich bei den Entscheidungsträgern als auch schriftlich. Solche Führungsentscheidungen werden jedoch in den einzelnen Kliniken getroffen und diese Entwicklung können wir leider nicht aufhalten.

Umso wichtiger scheint mir daher auch das Thema Leadership. Du praktizierst Leadership in Theorie und Praxis. Kann man Leadership überhaupt unterrichten und wie lernt man Leadership?

Die Prinzipien und Konzepte von Leadership können bestens unterrichtet werden, die Umsetzung hingegen nicht. Hier kommt es auf die Persönlichkeit an und braucht das alltägliche Lernen. Leaders haben nie ausgelernt. Die Kernthemen von Leadership sind für mich die Mitarbeitenden und die Rahmenbedingungen, damit diese ihre Arbeit optimal machen können.

Was sind für dich als Managerin die zentralen Werte von Leadership in deinem Klinikalltag?

Der zentralste Wert für mich ist Respekt füreinander. Als kleines Beispiel bringe ich immer das rechtzeitige Erscheinen bei Rapporten und Sitzungen. Hier fängt Respekt für mich schon an. Integrität und eine klare Kommunikation sind wichtig. Ich bin mir sicher, dass die Mitarbeitenden gutes Leadership nicht nur an Worten messen, sondern vor allem an den Taten im Alltag. Verlässlichkeit. Präsent sein, wenn es schwierig wird, vor allem in Krisenzeiten. Die Mitarbeitenden müssen sich auf Vorgesetzte verlassen können.

Deine neue zusätzliche Aufgabe ist seit Kurzem das Marketing. Du scheinst davon recht fasziniert zu sein. Wie kommt das?

Marketing hat mich immer schon fasziniert. Ein packender Werbefilm oder ein bewegendes Werbeplakat machen zu können, ist wirklich eine Leistung. Was soll vermittelt werden und wie macht man das am besten? Was kommt bei den Menschen an und was nicht? Suzanne Gordon, die Autorin des Buches „From Silence to Voice“, hat mich vor Jahren bei einem Kongress des Schweizerischen Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner total fasziniert. Sie hat es hervorragend verstanden, auch der Pflege eine Stimme zu geben, die Pflege sozusagen zu vermarkten.

Ist es nicht so, dass wir Pflegenden manchmal etwas Mühe haben, uns und unsere Kompetenzen oder Tätigkeiten gewinnbringend zu vermarkten?

Das erlebe ich auch so. Wir müssen viel mehr sagen, was wir machen. Auch ich habe lernen müssen, dass Bescheidenheit eine schöne Tugend ist, aber in bestimmten Situationen nutzlos. Wenn wir unsere Ergebnisse nicht deklarieren, wie sollen die anderen dann wissen, was wir erreicht haben? Die Privatklinik Wyss war zum Beispiel im Benchmark mit anderen psychiatrischen Kliniken bei den Besten in Bezug auf die Patientenzufriedenheit hinsichtlich der Bezugspflege. Das muss im obersten Führungsgremium unbedingt bekannt sein. Was wir ebenfalls lernen müssen ist, auch mit positiven Geschichten über die Pflege nach außen zu treten, die negativen kennen wir zur Genüge. Ich referierte vor einiger Zeit bei einem Kiwanis-Club, das ist ein Serviceclub mit karitativem Engagement, ähnlich wie der Rotary Club, über das „Stiefkind Psychiatrie“. Da habe ich gerne auch über die Psychiatrische Pflege und was sie bewirken kann berichtet. Viele Menschen haben immer noch altmodische Bilder über die Psychiatrie, über die Pflege. Hier besteht für viele Pflegefachpersonen noch Entwicklungspotenzial.

Du liest sehr viel Fachliteratur. Welche Fachbücher würdest du uns empfehlen und warum?

Das gerade erwähnte Buch „From Silence to Voice“ von Suzanne Gordon und Bernice Buresch, der deutsche Titel lautet „Der Pflege eine Stimme geben“. Außerdem das Buch „Radikal Führen“ von Reinhard K. Sprenger. Für mich ein klares und spannendes Buch über Führung. Mein Lieblingsbuch über Leadership ist das Buch „Leadership – Die 21 wichtigsten Führungsprinzipien“ von John C. Maxwell. Und nicht zu vergessen „Code Green. Money-Driven Hospitals and the Dismantling of Nursing” von Dana Beth Weinberg über eine misslungene Fusion oder wie es eben nicht gemacht werden sollte. Nicht fröhlich, aber gut beschrieben.

Meine letzte Frage, die ich an alle meine Sofagesprächspartner stelle: Was darf bei dir im Reisegepäck nicht fehlen?

Ein Reiseführer. Ich reise leidenschaftlich gerne und bin dann wie eine kleine „Entdeckerin“ in dem Land oder in der Stadt, in der ich mich befinde. Wenn ich nicht im Gesundheitswesen arbeiten würde, dann sicher in der Reisebranche.