Medizinaktuell, Ausgabe Bern, Oktober 2013

Nerven sind keine Drahtseile

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Stress kann beleben, zu Höchstleistungen antreiben, unserem Leben eine gewisse Würze verleihen. Er kann uns aber auch krank machen. In diesem Fall gilt es, wirksame Stressbewältigungsmechanismen zu entwickeln.

War das Wort Stress vor hundert Jahren im deutschen Sprachgebrauch noch unbekannt, so ist es heute zum Dauerbrenner geworden. Schon Schulkinder fühlen sich gestresst und auch manche Rentner klagen darüber, wie randvoll ihr Terminkalender ist und wie stressig das Leben auch ohne Arbeit sein kann. Dass Stress in den letzten Jahren in der arbeitenden Bevölkerung massiv zugenommen hat, belegt auch eine Studie des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO: Rund ein Drittel der Erwerbstätigen in der Schweiz fühlt sich häufig oder sehr häufig gestresst. Dies sind 30 Prozent mehr als noch vor zehn Jahren. Arbeitsbedingter Stress verursacht jährlich direkte Kosten in der Höhe von 4,2 Milliarden Franken (Absenzen und Produktionsausfälle, ärztliche Behandlung, Medikamente). «Das Phänomen Stress tritt in unserer modernen Gesellschaft deutlich häufiger auf als früher», sagt auch Andi Zemp, Leitender Psychologe und Leiter des Burnout-Programms an der Privatklinik Wyss, «wir leisten mehr und viele unter uns sind einem höheren Druck, auch gesellschaftlich, ausgesetzt. Gleichzeitig verfügen wir über mehr Optionen als unsere Vorfahren, was bedeutet, dass wir uns fast permanent für oder gegen etwas entscheiden müssen. Auch unsere ständige Erreichbarkeit und Kommunikationsbereitschaft, ob per Mail oder Handy, führt dazu, dass wir nicht mehr abschalten können.»

Warnzeichen
Typische Symptome bei Stress sind andauernde Müdigkeit, häufige Kopfschmerzen, erhöhte Anfälligkeit für Infekte, ein geschwächtes Immunsystem, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, aus­geprägte Nervosität, Daueranspannung, unbestimmte Ängste, Missbrauch von Drogen, Alkohol, Tabak und Medikamenten, Magenbeschwerden, Depressionen, Herz-Kreislaufbeschwerden. Als Folge von lang andauerndem Stress kann auch ein Burnout auftreten, ein Zustand körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. «Der Schlaf ist der beste Frühindikator für Stress», sagt Psychologe Andi Zemp. «Eine Nacht, in der man mal schlecht schläft, macht ja nichts, doch wenn jemand immer oder meistens Mühe mit Einschlafen hat, ganz früh aufwacht, dabei nur noch an die Arbeit denkt und die Gedanken nicht abschalten kann, dann ist das ein Warnzeichen.»

Stressabbau
«Stress ist immer auch eine Frage des Gleichgewichts zwischen den Anforderungen, die ich selber oder andere an mich stellen und meinen Möglichkeiten zur Bewältigung dieser Aufgaben», so der Fachmann. Bei der Bewältigung von Stress spielen individuelle Verhaltensmuster und die Persönlichkeitsstruktur eine wichtige Rolle. Was die einen kalt lässt, treibt andere zur Weissglut. Um Stress abzubauen, gibt es verschiedene Strategien: «Ich kann meine eigenen Bewältigungsmöglichkeiten verbessern, die Anforderungen an mich selber ändern oder versuchen, die äusseren Umstände zu beeinflussen», fasst Andi Zemp zusammen und fährt fort: «Am besten ist es natürlich, wenn wir herausfinden, was uns belastet und wir dann die Ursachen angehen und nicht nur die Symptome bekämpfen.»

Manchen Personen gelingt es, selber Wege aus der «Stressfalle» zu finden, andere benötigen Unter­stützung. «Wer nicht alleine aus der Überlastung herausfindet oder bereits unter den verschiedenen Stresssymptomen leidet, sollte fachliche Hilfe beanspruchen.» Wie diese aussieht, ist ebenfalls indivi­duell. Während der eine sich in einer Psychotherapie am besten aufgehoben fühlt, benötigt der andere einen Coach, der mit ihm ganz konkret das persönliche Arbeitsumfeld analysiert und Lösungswege aufzeichnet.

Eigene Ressourcen verbessern
Sich schwieriger Situationen bewusst zu werden und lernen, Konflikte anzusprechen, kann ein wichtiger Schritt in Richtung Stressabbau sein. «Viele Menschen schlucken ihre Frustrationen runter, statt dass sie über ihren Ärger sprechen.» Hilfreich ist auch wenn man lernt, negative Gedankenspiralen zu unterbrechen und sich Probleme als bewältigbar vorzustellen. Eine berufliche Weiterbildung, um sich Fachwissen anzueignen, kann ebenfalls unterstützend wirken. Und nicht zu vernachlässigen ist die körperliche Fitness und der Abbau von Anspannung durch regelmässige sportliche Bewegung (kein Wettkampf!), Atem- und Entspannungsübungen sowie gesunde Ernährung. Denn das Stresshormon Cortisol wird durch sportliche Aktivität deutlich schneller abgebaut.

Anforderungen ändern
Oft fühlen sich Menschen gestresst, deren Selbstwertgefühl stark von der erbrachten Leistung geprägt wird. Die Anforderungen, die solche Menschen an sich selbst stellen, sind dementsprechend hoch, sie wollen alles perfekt erledigen und sind sehr streng mit sich selber. «Dieses Verhaltensmuster sollte man ändern, man muss lernen, liebevoller und toleranter mit sich umzugehen und auch mal ‹nur› mit 80 Prozent der Leistung oder noch weniger zufrieden zu sein», sagt Andi Zemp und fährt fort: «Die inneren Anforderungen können wir eher regulieren, bei den äusseren Gegebenheiten ist dies manchmal schwieriger.» Eine Verringerung der externen Stressoren am Arbeitsplatz kann beispielsweise bedeuten, bei Konflikten lösungsorientierte Gespräche zu führen, bei Arbeitsüberlastung einen Teil der Arbeiten zu delegieren, bei unklaren Aufträgen um Klärung zu bitten, bei fehlendem Know-how die Unterstützung durch erfahrene Kollegen anzufordern, bei Lärm im Grossraumbüro Lärmquellen wie eine laute Kaffeemaschine zu entfernen usw. Auch ein gemütliches Pausengespräch mit den Kollegen kann stressabbauend wirken. «Es hat sich gezeigt, dass vor allem Personen mit hoher Verantwortung (zum Beispiel ein Lokomotivführer) oder solche, die wenig Austauschmöglichkeiten während der Arbeit haben (beispielsweise ein Schichtarbeiter) besonders unter Stress leiden.» Wichtige Faktoren sind auch ein gutes Zeitmanagement und vor allem ein Abschalten in der Freizeit, so Zemp: «Die ständige Erreichbarkeit ist äusserst belastend, daher empfehle ich, falls möglich, ein geschäftliches und ein privates Telefon. Und das Geschäftshandy wird nach Arbeitsschluss ausgestellt.»

So funktioniert Stress
Stress wird definiert als ein Zustand der Alarmbereitschaft des Organismus, der sich auf eine erhöhte Leistungsbereitschaft einstellt. Der Begriff wurde1936 vom Mediziner und Stressforscher Hans Selye geprägt. Stress kann durch eine Vielzahl körperlicher und seelischer Reize (Stressoren) ausgelöst werden: Wärme, Kälte, Lärm, Verletzungen, Infektionen, Probleme in der Partnerschaft, Überforderung im Beruf, Verlust eines geliebten Menschen usw. Unabhängig von der Art der einwirkenden Stressoren kommt es nach Selye zu körperlichen Anpassungsreaktionen: In der Alarmreaktionsphase werden vermehrt Hormone wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin ausgeschüttet, dadurch wird der Blutzuckerspiegel erhöht, Herzschlag und Blutdruck steigen, die Durchblutung nimmt zu. In der Widerstandsphase versucht der Organismus, sich anzupassen, dabei lässt die Widerstandsfähigkeit gegenüber anderen Stressoren nach, die Schwächung des Immunsystems ist eine mögliche Folge. Bei chronisch einwirkendem Stress kann es in der Phase der Erschöpfung zu organischen Erkrankungen kommen wie beispielsweise Magengeschwüren, Bluthochdruck oder Herzinfarkt.

Gruppenprogramm für Burnout-Syndrom-Betroffene
Die Privatklinik Wyss bietet sowohl ambulante wie auch stationäre Behandlungen für Patientinnen und Patienten mit Burnout-Syndrom an. Das Programm richtet sich an Personen, die an psychischen und/oder körperlichen Nebenwirkungen ständiger Arbeitsüberlastung leiden, trotz zunehmender Anstrengung das Gefühl haben, weniger leistungsfähig zu sein, und sich zunehmend vom Freundeskreis oder aus Freizeitaktivitäten zurückziehen. Sie lernen, mit Stress besser umzugehen, ihrem psychischen Wohlbefinden mehr Gewicht zu geben, sich vermehrt und entschiedener abzugrenzen und ein besseres Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit zu erreichen.

Die Auskunftsperson

Andi Zemp, lic. phil Fachpsychologe für Psychotherapie FSP

Leitender Psychologe und Leiter Burnout-Programm

 

Kontakt:

Privatklinik Wyss AG

Fellenbergstrasse 34

3053 Münchenbuchsee

Tel. 031 868 33 33

a.zemp@privatklinik-wyss.ch

www.privatklinik-wyss.ch