Ambulant statt/vor stationär ...

Autor Editorial

Dr. med. Peter Zingg

Ärztlicher Direktor

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… war der Wahlspruch der einstigen sozialpsychiatrischen Bewegung: Sie hatte sich zum Ziel gesetzt, Patienten und Patientinnen mit anhaltenden, schweren psychischen Störungen aus langfristigen Hospitalisationen zu befreien und ihnen eine soziale Reintegration zu ermöglichen. Diese – letztlich erfolgreiche – Zielsetzung entspricht heute einer selbstverständlichen Haltung, der Grundsatz hat aber auch eine unverkennbare ökonomische Bedeutung erhalten: Nicht-stationäre Behandlungen sollen generell kostengünstiger sein als stationäre – natürlich bei gleicher Wirksamkeit?! In manchen Fällen sicher, wohl aber nicht in allen. Der stationäre Rahmen ist unumgänglich bei ausgeprägter Selbst- oder Fremdgefährdung, aber auch bei kaum mehr erträglicher Belastung im bzw. für das soziale Umfeld. Im Klinikrahmen können aber auch komplexere, integriertere Behandlungen angeboten werden, bei gleichzeitiger Entlastung von alltäglichen Verpflichtungen. Das ist – ein gewisses Mass an Alltagsbewältigung vorausgesetzt – auch im teil- oder tagesstationären Rahmen möglich, verbunden mit dem Vorteil (aber auch der Anforderung), das in der Therapie Erkannte und Erfahrene parallel in eben diesem Alltag umzusetzen. In diesem Sinne ersetzt eine teilstationäre Behandlung die stationäre nicht in jedem Falle, sie ergänzt diese vielmehr – und kann allenfalls zu deren Verkürzung beitragen.

Psychotherapie-Tagesklinik – PTK der Privatklinik Wyss AG Münchenbuchsee

Die Psychotherapie-Tagesklinik kombiniert die Vorteile stationärer mit jenen der ambulanten Behandlung. Neben intensiver Betreuung tagsüber (Psychotherapie, nicht-medizinische Therapien, Bezugspersonenpflege) verbringen die Patienten den Abend und das Wochenende im gewohnten Umfeld. Die Psychotherapie-Tagesklinik kann Ihnen helfen:

– Ihren Alltag zu strukturieren und zu bewältigen

– Ihre Stabilität zu verbessern und Ihre Ressourcen zu aktivieren

– Ihre Selbstwahrnehmung und Ihre soziale Kompetenz zu verbessern

– Ihre Problemstellungen und Konflikte eingehender zu klären und zu bearbeiten

– den Wiedereinstieg in die Arbeit zu planen

– in eine anschliessende ambulante Weiterbehandlung überzutreten

Psychotherapie-Tagesklinik

Was bietet die Psychotherapie-Tagesklinik?

Die Psychotherapie-Tagesklinik der Privatklinik Wyss AG in Münchenbuchsee bietet ein psychotherapeutisch orientiertes Behandlungsprogramm von ca. zehn Wochen Dauer an. Das Angebot umfasst Psychotherapie im Einzel- und im Gruppensetting, nichtmedizinische Therapien, wie z.B. die Musik- oder die Kunsttherapie, und regelmässige Gespräche mit der Bezugsperson von der Pflege. Die 12 Behandlungsplätze eignen sich für Patienten, die eine intensivere Therapie in einem strukturierten Tagesablauf benötigen, die aber den Abend und das Wochenende im gewohnten Umfeld verbringen wollen und können. Die tagesklinische Behandlung eignet sich als Anschlussbehandlung nach einem stationären Aufenthalt, als Alternative zu einer Klinikbehandlung oder als intensivierte ambulante Therapie im Rahmen eines strukturierten Wochenprogramms.

Zwei Patienten und ihre Anliegen

Frau G. besucht seit einer Woche die Psychotherapie-Tagesklinik in Münchenbuchsee, nahe von Bern. Ihr Arzt hat ihr die Therapie in einer Klinik empfohlen, nachdem es nach längerer ambulanter Behandlung nicht gelungen ist, eine schwierige psychische Krise zu überwinden. Ihr Kollege, Herr K., ist im Anschluss an eine stationäre Behandlung in die Tagesklinik gekommen. Es geht ihm heute deutlich besser als vor dem stationären Klinikaufenthalt, er möchte jedoch lernen, seine Angst in öffentlichen Verkehrsmitteln besser zu bewältigen, und er will sich auf die Rückkehr in seinen Job vorbereiten. Beide Patienten wollen den Abend und die Wochenenden lieber selber gestalten und die Nacht in den eigenen vier Wänden verbringen. Frau G. möchte ihren 13-jährigen Sohn nicht alleine lassen. Herr K. ist sich bewusst, dass er sich den Anforderungen des Alltags wieder stellen muss, er braucht dabei aber weiter intensive therapeutische Unterstützung.

Alltag zweier Patienten

Das Behandlungsprogramm

Neu eingetretene Patienten merken erst mit der Zeit, dass ein klarer Tages- und Wochenplan nicht nur entlastend ist. Von Montag bis Freitag täglich an seiner psychischen Gesundung zu arbeiten, kann anstrengend sein und eine Herausforderung darstellen. Das gilt vor allem für die Gesprächsgruppen, die 4-mal pro Woche mit unterschiedlichen Schwerpunkten stattfinden. Dabei wird geübt, aus Wünschen eigene Ziele zu formulieren und diese zu verfolgen. Man lernt, im geschützten und begleiteten Rahmen, eigene Verhaltensmuster zu erkennen und seinen Platz unter Mitmenschen zu finden. Man erlernt konkrete und anwendbare Fähigkeiten (Skills), um mit schwierigen Gefühlen und Situationen umzugehen. Dafür kann der Kopf während der Fitnessstunde wieder ausgelüftet werden. Herr K. spürt anfänglich mühevoll, dass er seinen Körper lange Zeit vernachlässigt hat. In der Körpertherapie und in der Entspannungstherapie übt er innere Balance und Achtsamkeit. In der Kunst- und der Musiktherapie sowie im freien Gestalten sind Hand und Gefühl angesprochen. Was für Herrn K. eine erholsame Ablenkung von seinen Sorgen bedeutet, wird für Frau G. vorerst zu einer schwierigen Erfahrung: Die Musik lässt schmerzhafte Erinnerungen aufsteigen. Sie ist froh, dass die Therapeutin ihre Emotionen wahrnimmt und sie unterstützt. Auch kann sie mit ihrer Bezugsperson vom Pflegeteam sowie mit ihrer Einzeltherapeutin darüber sprechen. Mit ihren Mitpatienten macht sie die Erfahrung, dass sie sich nicht immer stark und hilfsbereit verhalten muss, um geschätzt und akzeptiert zu werden.

Rückkehr in den Alltag

Herr K. hat inzwischen seine Angst mit Expositionsübungen so weit reduzieren können, dass er wieder selbstständig seinen Arbeitsweg bewältigen kann. In einem gemeinsamen Gespräch mit dem Arbeitgeber wird der Wiedereinstieg an seinem alten Arbeitsplatz geplant, wobei er sein Arbeitspensum stufenweise steigern kann. Frau G. hat weniger Glück, sie erhält vom Arbeitgeber die Kündigung. Ihre berufliche Zukunft ist gegen Ende der Behandlung ein wichtiges Thema in den Einzelgesprächen mit ihrem Therapeuten und der pflegerischen Bezugsperson. Zur Klärung ihres Versicherungsschutzes und ihrer finanziellen Möglichkeiten erhält sie fachliche Beratung durch die Sozialberaterin der Tagesklinik.

Autor

Thomas Fischer

Oberarzt

Psychotherapie-

Tagesklinik

Autor

Kurt Schumacher

Leiter Pflege

Psychotherapie-

Tagesklinik

Im Dialog

Herr H., Sie sind seit fast zehn Wochen Patient in der Tagesklinik, was ziehen Sie für eine Bilanz über Ihren Aufenthalt in der Psychotherapie-Tagesklinik?

Ich bin sehr froh, dass ich noch in die Tagesklinik kommen konnte. Ich habe hier eine gute Zeit verbracht. Die zehn Wochen gingen fast zu schnell vorbei. Am Ende der stationären Behandlung hatte ich Zweifel, ob ich die Ganztagstherapie noch so lange machen sollte, ich hatte ein grosses Bedürfnis nach einem „normalen Leben“. Andererseits war mir auch klar, dass ich noch nicht selber in der Lage war, einen geregelten Tagesablauf wie vor der Erkrankung zu führen. Zum Beispiel zu arbeiten oder etwa meine freie Zeit selber zu gestalten. Jetzt bin ich bedeutend zuversichtlicher.

Was hat Ihnen zu dieser Zuversicht verholfen?

Ich habe gemerkt, dass ich mich zu Hause wieder wohlfühlte. In der Tagesklinik haben sie die Wochenenden jeweils mit uns vorgeplant. Es fiel mir anfangs schwer, die Dinge zu tun, die ich mir vorgenommen hatte. Schliesslich war ich aber froh darüber, denn ich hatte während der Krankheit den Kontakt zu meinen Freunden und Bekannten einschlafen lassen. Der Austausch mit meinen Mitpatienten hat mir dabei sehr geholfen. Unter Menschen zu sein, fühlte sich wieder gut und normal an. In den letzten Wochen habe ich wieder begonnen, meine Kontakte zu pflegen, und war unternehmungslustiger. Was die Arbeit betrifft, war ich froh, zu realisieren, dass ich den Alltag in der Tagesklinik immer besser bewältigen kann. Meine Therapeutin hat mich ermutigt, mich wieder auf eine Stelle zu bewerben. Es hat mich gefreut, dass alle immer wieder nachgefragt haben, wie ich vorankomme oder ob ich Hilfe brauche. Ich habe die Bewerbungen schliesslich allein hingekriegt. Das Interesse an meiner Person, die Wahrnehmung meiner Schwierigkeiten und die Anteilnahme an meiner Situation haben mich sehr gestützt. Ich konnte das Lähmungsgefühl und die Angst, dass es sowieso nicht klappt, überwinden.

Wie empfanden Sie den Wechsel von der stationären Behandlung in die Tagesklinik?

Viele der Therapien kannte ich ja schon. Während der ersten Tage musste ich mich trotzdem auf viel Neues einstellen. Mit einer neuen Therapeutin wieder von vorne anfangen. Die neuen Kolleginnen und Kollegen. Der grösste Unterschied war, dass wir alle den ganzen Tag und in praktisch allen Therapien zusammen waren. Man lernt einander dadurch aber auch rascher kennen. Wir haben hier mehr Gesprächsgruppen. Und das Therapieprogramm ist für alle gleich. Einiges war für mich auch Repetition und somit nicht mehr so interessant wie vielleicht für andere. Hier in der Tagesklinik ging es für mich mehr darum, die Dinge anzuwenden, die ich vorab in der stationären Behandlung gelernt habe. Mich unter Leuten wieder „normal“ zu fühlen, rauszugehen, etwas zu unternehmen, auch zeitweise allein zu sein, ohne gleich in ein Loch zu fallen.

Was hat Ihnen in der Psychotherapie-Tagesklinik am meisten geholfen?

Die Gespräche mit meiner Therapeutin und meiner Bezugsperson von der Pflege waren sehr wichtig für mich. Auch mit einigen meiner Mitpatienten habe ich viel geredet. Wir werden sicher auch nach der Tagesklinik weiter in Kontakt bleiben. Der Gruppenzusammenhalt als Ganzes war sehr unterstützend. Zwar gab es auch Konflikte, ich fand es richtig, dass diese vonseiten des Behandlungsteams auch angesprochen und thematisiert wurden. Der feste Tagesablauf war für mich ein weiterer sehr wichtiger Bestandteil der Therapie. Am Anfang hätte ich das allein nicht gekonnt.

Sie verlassen Ende dieser Woche die Tagesklinik, wie blicken Sie in die nähere Zukunft?

Wie gesagt, viel zuversichtlicher als am Anfang. Ich habe zwar das Gefühl, dass es mir diese Woche wieder etwas schlechter geht als vorher, ich schlafe auch nicht mehr so gut. Wahrscheinlich sind das aber die Angst und die Ungewissheit, ob es auch wirklich klappt, das gehört wohl dazu. Ich habe jetzt noch eine Woche Ferien, bevor ich mit der Arbeit anfange. Und dann geht die Therapie ja auch bei meinen ambulanten Therapeuten weiter. Ich muss ganz klar noch weiter an mir arbeiten, um nicht früher oder später wieder ins alte Fahrwasser zu geraten.