Fasten im Schlaraffenland

Editorial: Dr. med. Franz Caduff
Chefarzt Privatklinik Wyss

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Seit Jahrhunderten regt das Schlaraffenland unsere Fantasie an als süsser Ort des Nichtstuns und des essenden Herumliegens. Dennoch, bereits im Mittelalter war es den Menschen mit dieser paradiesischen Vorstellung nicht ganz wohl, was sich nur schon im Namen äussert: «Schlaraffenland» ist das Land der «schlauen», aber auch der «dummen Affen» und diese Doppelbedeutung zeigt das Dilemma, in welchem der mittelalterliche Mensch steckte. Einerseits sehnte er sich den Ort herbei, in dem Milch und Honig fliessen und das Nichtstun belohnt wird als Kontrast zum eigenen harten Leben, andererseits war er sich bewusst, dass diese verkehrte Welt nur schon deshalb nicht existieren durfte, weil Völlerei und Trägheit als Laster galten und von der Kirche verdammt wurden. Die Realität war ohnehin eine andere. Körperliche Schwerarbeit, Mangelernährung und Fasten gehörten zum mittelalterlichen Leben wie die seltenen Gelegenheiten zu einem Festmahl, an der Fasnacht etwa oder anlässlich der «Sichlete». Seit einigen Jahrzehnten nun lebt ein Teil der Menschheit im permanenten Schlaraffenland, im Zeitalter des Nahrungsmittelüberflusses und der Bewegungsarmut, und – wir nehmen zu. Zwar gelingt es einigen Menschen, dank guten Genen, Diät oder Sport dem Übergewicht zu entgehen, vielen jedoch nicht. Die Folgen sind bekannt. In Ländern wie den USA sind bereits 70% aller Erwachsenen übergewichtig, mehr als 2/3 davon in gesundheitsschädlichem Ausmass. Es resultieren Bluthochdruck, Diabetes, Hypercholesterinämie, Gelenkschädigungen und psychosoziale Belastungen. Die Ursachen dieser Epidemie liegen im physiologisch angelegten Verlangen des Organismus nach kalorienreichen, süssen oder fettigen Nahrungsmitteln, im ständig weiter ausgebauten, verführerischen Nahrungsmittelangebot, wie auch im bewegungsarmen Lebensstil. Der Zusammenhang zwischen Psyche und Übergewicht ist komplex, und dies nicht nur auf der hormonellen Ebene. Bei einigen Betroffenen können genetische oder biografische Belastungen eine Rolle spielen, bei anderen nicht. Die meisten Übergewichtigen leiden jedoch unter ihrem Gewicht, entwickeln Störungen des Selbstwertgefühls, neigen zu sozialem Rückzug und zu depressiven Verstimmungen. Zudem führen einige der häufig verordneten Psychopharmaka zu einer Appetitsteigerung, was das Übergewicht noch zusätzlich verstärken kann. Der Kompetenzbereich Essstörungen der Privatklinik Wyss bietet Betroffenen ambulante Abklärungen, Einzel- und Gruppentherapien, Ernährungsberatung sowie Körpertherapie und arbeitet eng mit spezialisierten bariatrischen Chirurgen zusammen. Ziel dieser Behandlung ist nicht «das Fasten im Schlaraffenland», sondern eine längerfristige Umstellung von Lebensstil und Essverhalten. Guten Appetit!

Hunger XXL

Haben Sie Hunger? Wirklich? Oder vielleicht doch Appetit bzw. Lust? Hunger empfinden Sie, wenn der Körper nach Nahrung verlangt; Appetit, wenn Essen seelische Bedürfnisse befriedigen soll. Spätestens seit Nahrungsmittel in der westlichen Welt für fast jeden Menschen in beinahe unbegrenzten Mengen und Variationen zur Verfügung stehen, wird nicht mehr nur gegessen um satt zu werden, sondern um emotionale Bedürfnisse zu befriedigen.

Vom ersten Lebensmoment an wird Nahrungsaufnahme mit der Befriedigung seelischer Bedürfnisse verknüpft, wenn der Säugling sich an der Mutterbrust beruhigt. Durch Nahrungsaufnahme werden Stoffwechselprozesse beeinflusst, welche auf der seelischen Ebene Entspannung, Wohlbefinden und Stärkung bewirken. Durch individuelle Lernerfahrungen im Laufe der Kindheit koppelt sich Essen z. B. an Trost, Belohnung, Zuwendung oder Selbstbehauptung. Die Werbeindustrie tut ihr Übriges, um (industriell stark verarbeiteten, meist besonders ungesunden) Nahrungsmitteln die Bedeutung von Spass, Zugehörigkeit, Lifestyle und nicht selten Gesundheit zu geben. Das alltägliche Ritual des Essens ist bei den meisten Menschen emotional hoch aufgeladen. Was Menschen mit Essstörungen von Menschen ohne Essstörungen unterscheidet, ist eine stärkere Ausrichtung der Bedürfnisbefriedigung auf das Essen. Patientinnen schildern, kaum mehr an anderes als an Essen und Gewicht zu denken. Andere Lebensbereiche werden vernachlässigt und negative Konsequenzen des Überessens in Kauf genommen. Menschen mit Essstörungen haben ein erhöhtes genetisches Risiko. Ausserdem waren sie oftmals im Laufe des Lebens besonders starken Belastungen ausgesetzt, welche zu psychischem Ungleichgewicht beitrugen. Ausserdem konnten Sie nicht in genügendem Ausmass alternative, gesunde seelische Kompetenzen der Selbstfürsorge und Emotionsregulation entwickeln. Ein Teufelskreis entsteht: Je häufiger aus Seelenhunger gegessen wird, umso mehr passen sich der Körper und das Hungergefühl an das Ausmass dieses Hungers an. Je seltener auf gesunde Weise Bedürfnisse befriedigt und Emotionen reguliert werden, umso mehr verkümmern die Fähigkeiten dazu. So nimmt der Körper zu und die Seele verhungert. Wenn sich bei einem Menschen eine Essstörung entwickelt hat, reicht es in den seltensten Fällen aus, allein die Essgewohnheiten wie zum Beispiel durch eine Ernährungsumstellung oder die Physiologie durch eine Magenbypassoperation zu verbessern. Es braucht zusätzlich das Training alternativer Strategien zur Bedürfnisbefriedigung und Gefühlsregulation, damit die Essstörung nachhaltig behandelt und der Seelenhunger gesättigt werden kann. Der Kompetenzbereich für Essstörungen und Störungen des Essverhaltens der Privatklinik Wyss bietet spezialisierte Einzeltherapien, Gruppentherapien, Abklärungen, Konsilien sowie Ernährungsberatung.

Das Angebot richtet sich an

  • Menschen mit Essstörungen
  • Menschen mit Essproblemen
  • übergewichtige Menschen mit psychischen Problemen
  • Menschen, die sich in adipositaschirurgischer Behandlung befinden

Kontakt: v.jaggi@privatklinik-wyss.ch

 

Autorin:

lic. phil. Verena Jaggi

Fachpsychologin FSP Privatklinik Wyss

Machen Psychopharmaka dick?

(lb) Gewisse Medikamente haben den Ruf, dick zu machen. Welche Medikamente sind das?

In einer psychiatrischen Klinik sind dies meistens Antidepressiva, bei denen einige (nicht alle!) eine Gewichtszunahme verursachen können. Auch Cortison, gewisse Hormone, Antibiotika und sogar Blutdrucksenker oder Antidiabetika können unter Umständen zu einer Gewichtszunahme führen.

Dann führen diese Medikamente nicht unweigerlich zur Gewichtszunahme?

Nein, kein Medikament macht unweigerlich dick. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Bei einer genetischen Veranlagung nimmt jemand eher zu, als wenn diese fehlt oder sich jemand viel bewegt. Vielmehr trifft es diejenigen Menschen, die ohnehin schon mit ihrem Gewicht kämpfen. Der Kampf wird schwieriger und sie geben schneller auf, weil dann die Medikamente «schuld» sind.

Worauf sollten dann Patienten achten, wenn sie solche Medikamente verschrieben bekommen?

Zuerst einmal kann eine gesunde, d. h. ausgewogene Ernährung nie schaden. Wichtig ist auch, keine Angst vor dem Zunehmen oder vor den Medikamenten zu haben, denn das begünstigt die Gewichtszunahme, weil man sich verkrampft und dauernd auf die Waage schaut. Man sieht ohnehin, wenn die Kleider nicht mehr passen. Je lockerer jemand damit umgehen kann, umso weniger fokussiert er auf das Essen und kriegt auch weniger Hunger. Zunehmen beginnt oftmals im Kopf, wenn die Gedanken ums Essen kreisen statt um die Aufgaben und anderen Freuden des Lebens.

Was soll dann jemand tun, der einfach ein Geniessertyp ist und jede sportliche Tätigkeit verabscheut?

Geniessertypen können ja geniessen. Ich versuche herauszufinden, ob es nicht Tätigkeiten gibt, bei denen Bewegung als Genuss wahrgenommen wird. Das kann z. B. Tanzen sein oder Golf spielen, genussvoll mit einem Elektrovelo unterwegs sein oder sich im Wasser bewegen. Manche Menschen sind Gruppenmenschen und haben erst Spass, wenn sie gemeinsam Walken gehen können oder im Turnverein nach der Anstrengung noch etwas (energiearmes) Trinken gehen

Wie steht es aber mit den Menschen, die durch grosse psychische Belastungen energielos geworden sind?

Wenn sie energielos geworden sind, waren sie vielleicht nicht immer unbeweglich. Sie haben oft noch ein Velo rumstehen. Wenn sie es schaffen, mit der Unterstützung von Psychotherapeuten und der Ernährungsumstellung sich wieder zu bewegen, ist schon viel gewonnen.

Und was sollen die «Frustesser» tun, die ihr Gewicht reduzieren möchten?

Sie müssen kennenlernen, was ihnen gut tut. Ein liebevollerer Umgang mit sich selbst hilft oft weiter. Bei uns in der Klinik gibt es diesbezüglich ein gewaltiges Angebot: so helfen z. B. Töpfern, Malen, Gestalten oder der Umgang mit Tieren, sich zu entspannen und den Frust zu vergessen. Mit den Psychologen finden sie heraus, was hinter dem Frust steckt und wie sie positiv mit sich selbst umgehen können. Essen hat dann ja eine Funktion. Es soll trösten, aufmuntern, belohnen und Ersatz bieten für unbefriedigende Beziehungen oder anderes Leid, das geschluckt wird. Dabei achte ich darauf, dass sich niemand das «Frustessen» verbietet. Es darf sein – aber es soll nicht zu einer ständigen Gewohnheit werden. Wer mit schlechtem Gewissen isst, ist nämlich doppelt gefrustet, weil er seine Vorsätze nicht eingehalten hat.

Sind Bewegung und Disziplin das Heilmittel gegen Übergewicht?

Nein, mit Druck, Kampf und hohen Erwartungen kommt man meistens nicht weit. Nach drei Wochen kippt womöglich die Motivation für Sport, die Knie schmerzen. Rückfälle frustrieren jedoch enorm und das Essen beginnt von Neuem. Manchmal ist ein gutes Stück Fleisch am Mittag besser als darauf zu verzichten und nachher aus Frust darüber zur Schoggi zu greifen. Freude rund ums Essen ist viel wichtiger. Oft beginne ich mit den kleinen Sachen, die leichter fallen, wie z. B. der tägliche Verdauungsspaziergang.

Man hat ja oftmals Lust auf Ungesundes. Wie wird man diese Lust los?

Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Daran arbeiten wir dann individuell in der Ernährungsberatung.

Ist es ratsam, alleine mit einer Ernährungsumstellung zu beginnen, wenn jemand z. B. neue Medikamente verschrieben bekommt?

Grobe Gewohnheiten kann man unter Umständen gut alleine umstellen, wie z. B. darauf zu achten, dass der Teller zur Hälfte Gemüse und Früchte enthalten soll, kohlehydrathaltige Nahrungsmittel nur ein Viertel und Eiweissprodukte auch nur ein Viertel. Es ist jedoch sinnvoll, sich rechtzeitig Rat zu holen. Als Ernährungsberater schütze ich meine Kunden und Patienten vor unrealistischen Zielen. Vielen Dank für die reichen Informationen!

Selbsttest Essverhalten:

  • Es fällt mir schwer, nicht an Essen zu denken.
  • Ich habe schon mehrfach versucht, abzunehmen.
  • Ich bin nicht dick, aber ich muss dauernd aufs Essen verzichten.
  • Ich wehre mich gegen dickmachende Medikamente.
  • Ich habe immer Hunger und auch Lust zum Essen.
  • Ich zähle genau die Kalorien, damit ich nicht zunehme.
  • Das Schönste wäre für mich, einfach drauflos zu essen.
  • Für mich gilt der Spruch: Sport ist Mord.
  • Ich leide oft unter Energiemangel.
  • Ich habe in meinem Leben schon viel einstecken müssen.
  • Ich ärgere mich über den Schlankheitswahn der Models.
  • Beruflich bewege ich mich nur am Schreibtisch.
  • Im Fitnessstudio gehe ich nur noch in die Sauna.
  • So wie ich aussehe, mag mich eh niemand.
  • Meine Familie raubt mir alle Energie.
  • Ich habe einfach keine Zeit fürs Geniessen.
  • Auch in den Ferien verwöhne ich andere.
  • Ich fühle mich oft allein gelassen.

Je öfter Sie mit Ja geantwortet haben, desto wichtiger ist es, eine Fachperson beizuziehen und die Lebensbalance zu korrigieren.