Können Zwangsstörungen bezwungen werden?

Editorial von Dr. med. Franz Caduff

Als PDF zum Download

Chefarzt Privatklinik Wyss

«Zwang» – Der Begriff hat im Allgemeinen eine schlechte Presse. Im Wort steckt Gewalt, Nötigung, Machtausübung. Doch Zwang hat nicht nur eine juristische oder gesellschaftliche Bedeutung. Zwang ist auch ein Krankheitsbegriff. Zwänge können derart ausgeprägt sein, dass sie die Betroffenen im Beruf, in Beziehungen und sogar in den Alltagsaktivitäten derart lähmen, dass es zu dauernder Arbeitsunfähigkeit, Immobilität oder völliger Blockade kommt. Eine schwere Zwangsstörung hat einen invalidisierenden Charakter.

Zwanghaftes Verhalten kommt nicht nur beim Menschen, sondern auch im Tierreich vor und hat dort eine nützliche Funktion. Das automatisierte Lecken des Säugerpelzes oder das Putzen der Vogelfedern dient der Hygiene. Die ständige Kontrolle der Reviergrenzen beim Wolf hält potenzielle Feinde fern. Das Sammeln von Haselnüssen sichert dem Eichhörnchen auch im Winter einen Futtervorrat – sofern es denn die Nüsse wieder findet! All diese Verhaltensweisen laufen instinktiv ab und bieten offensichtlich einen Überlebensvorteil. Auch beim Menschen macht das Putzen, Waschen, Sammeln und Kontrollieren Sinn, solange sich diese Verhaltensweisen nicht selbstständig machen. Genau dies ist jedoch bei der Zwangsstörung der Fall; das Verhalten «entgleist», ist nicht mehr der willentlichen Kontrolle unterworfen. Wieso dies so ist, wird breit erforscht; schlüssige Resultate stehen jedoch noch aus. Zwänge sind nicht einfach Schicksal, sondern können behandelt werden. Diese Behandlung ist aufwendig und für die Betroffenen mühsam, kann jedoch Erfolg haben. Zwänge können – zumindest in den Fällen, in denen sie noch nicht chronifiziert sind – ein Stück weit «bezwungen» werden. In der Privatklinik Wyss wird ein stationäres Gruppenprogramm für Menschen mit Angst- und/oder Zwangsstörungen angeboten. Interessiert? Lesen Sie mehr dazu auf den folgenden Seiten.

Wenn Zwänge den Alltag dominieren

Zwangsstörungen gehören glücklicherweise zu den eher seltenen psychischen Erkrankungen. Ungefähr 2% der Schweizerinnen und Schweizer leiden einmal in ihrem Leben an einer behandlungsbedürftigen Zwangsstörung. Meist dauert es mehrere Jahre, bis Betroffene eine geeignete Behandlung bekommen. Das hängt namentlich damit zusammen, dass Zwangsstörungen mit sehr viel Scham verbunden sind, was die PatientInnen lange zögern lässt, bevor sie sich jemandem offenbaren. Des Weiteren ist die Abgrenzung zu anderen psychischen Störungen nicht immer ganz einfach, was dann zu therapeutischen Umwegen führen kann.

Das Typische an einer Zwangsstörung besteht darin, dass betroffene Personen immer wieder von Gedanken oder bildhaften Vorstellungen heimgesucht werden, die ihnen zutiefst zuwider sind, oder dass sie gegen ihren Willen – eben zwanghaft – Handlungen ausführen müssen. Die Gedanken bzw. Bilder, die sich den Betroffenen aufdrängen, betreffen in der Regel religiöse Themen, Sexualität oder Gewalt; die unfreiwilligen Handlungen zeigen sich am häufigsten in Form von Kontroll- und Waschzwängen. Entscheidend ist, dass die gedanklichen bzw. bildhaften Vorstellungen von den Betroffenen als bedrohlich, furchtbar falsch oder schuldhaft erlebt werden. Nicht nur zerbrechen sich Patienten den Kopf darüber, warum sie derart «schreckliche» Dinge denken; sie fühlen sich darüber hinaus für diese Vorstellungen selbst verantwortlich und sind überzeugt, dass nur schlechte Menschen solche Gedanken haben. Betroffene versuchen daher oft, diese Gedanken mit Gegengedanken zu neutralisieren. Weil Zwangspatienten zudem nie ganz sicher sind, ob ihre Gedanken oder inneren Bilder nicht vielleicht doch einmal Wirklichkeit werden, fühlen sie sich zu Gegenmassnahmen gedrängt, die das Schlimmste verhindern sollen. Diese Gegenmassnahmen sehen meistens so aus, dass umfangreiche und endlose Kontrollen oder stundenlange Wasch- und Reinigungsrituale durchgeführt werden. Typische Kontrollzwänge sind:

• Kontrolle, ob elektrische Anlagen (Herdplatten, Licht, Computer usw.) ausgeschaltet sind

• Kontrolle, ob die Wohnungstüre, das Büro, die Fenster, das Auto usw. verschlossen sind

• Kontrolle, ob Zigaretten, Streichhölzer, Kerzen usw. wirklich gelöscht wurden Typische Waschzwänge sind:

• stundenlanges Händewaschen

• endlose Körperpflege-Rituale

• grosse Hygiene-Rituale nach dem Toilettengang

Sowohl die weiter oben erwähnten Gegengedanken als auch die Kontroll- und Waschrituale dienen den Patienten dazu, die vermeintlich gefährlichen oder schuldbeladenen Vorstellungen zu kontrollieren und dadurch deren befürchtete, schlimme Konsequenzen zu verhindern.

Autorin:

lic. phil. Dorothee Schmid

Fachpsychologin für Psychotherapie FSP und Verhaltenstherapeutin SGVT

seit gut 7 Jahren Leiterin des Gruppenprogramms für Angst- und Zwangsstörungen der Privatklinik Wyss

Alles beginnt mit Gedanken ...

Wie es in einer konkreten Situation zu einer Zwangshandlung kommen kann, wird am folgenden Beispiel von Herrn A. verdeutlicht:

• Herrn A. schiesst plötzlich der Gedanke durch den Kopf, er könnte seiner geliebten Grossmutter eine

Ohrfeige geben.

• Herr A. ist über diese Vorstellung derart entsetzt, dass er mit allen Mitteln versucht zu verstehen, wie es dazu kommen konnte.

• Dadurch bleibt Herr A. für lange Zeit an diesem Gedanken hängen und fühlt sich mehr und mehr schuldig, verdorben und schlecht. Er fürchtet zudem, dass dieser Gedanke böse Folgen haben oder, noch schlimmer, allenfalls sogar Realität werden könnte.

• Um die unerträglichen Schuld- und Angstgefühle in den Griff zu bekommen und das Schlimmste zu verhindern, kontrolliert Herr A., ob er die Asche seiner Zigarette wirklich in den Aschenbecher geschnippt hat.

• Um ganz sicher zu sein, dass auch wirklich keine Asche auf dem Teppich liegt (wo sie möglicherweise einen Wohnungs- und später Haus- und Quartierbrand auslösen könnte), beginnt Herr A. auf den Knien mit dem minutiösen Absuchen des Fussbodens.

• Erst nach mehreren Stunden kann Herr A. diese Kontrolle beenden, wobei er nach wie vor nicht ganz sicher ist, ob wirklich kein Aschestäubchen liegen geblieben ist. Auf diese Weise geraten Zwangspatienten zunehmend in einen Teufelskreis aus Unsicherheit, Schuldgefühlen und Angst, aus dem sie kaum mehr herausfinden. Sie konzentrieren sich zunehmend auf die Frage, wann der nächste unheimliche Gedanke auftauchen wird und wie sie diesen und die damit verbundenen Befürchtungen möglichst in den Griff bekommen. Ohne Behandlung werden die Betroffenen immer wieder auf ihre Zwangshandlungen zurückgreifen, weil sie dadurch wenigstens eine gewisse Entlastung erleben. Der Preis dafür ist hoch: Zwangspatienten werden in ihrer freien Entscheidung und in ihren konkreten Handlungsmöglichkeiten zunehmend eingeschränkt, müssen sie doch einen grossen Teil ihrer Zeit und Energie auf die Überwachung ihrer Gedanken und auf die Kontrolltätigkeiten verwenden. Das führt nicht selten dazu, dass Zwangspatienten ihre Arbeitstätigkeit nicht mehr ausüben und ihre sozialen Kontakte nicht mehr pflegen können, weil ihnen dazu schlicht die Zeit und Energie fehlt. Behandlungsmöglichkeiten Zwangsstörungen können behandelt werden. Bei ca. 75% der Betroffenen können bedeutende und dauerhafte Besserungen erzielt werden. Am wirksamsten ist eine Behandlung, in der sowohl an den Gedanken wie auch am Verhalten der Betroffenen gearbeitet wird – wie sie auch in der Privatklinik Wyss zur Anwendung kommt. Zentral ist, dass die Betroffenen ihre furchterregenden Vorstellungen wieder als reine Vorstellungen einzuschätzen lernen, keine Gegenmassnahmen – eben Zwangshandlungen – mehr einleiten und dabei erleben, dass real nichts Schlimmes passiert. Körpertherapeutische Techniken sind eine wichtige Ergänzung. Die Patienten lernen dadurch, ihren eigenen Wahrnehmungen wieder zu vertrauen und Vorstellungen besser von der Realität zu unterscheiden. In sachgerechter Weise eingesetzt, können auch Medikamente hilfreich sein. Eine Abklärung bei einem kompetenten Ansprechpartner für ambulante und stationäre Behandlungsangebote kann auf alle Fälle hilfreich sein.

7 Fragen – 7 Antworten zum Thema Zwang

1. Wie häufig sind Zwangsstörungen in der Bevölkerung? Etwa 2% aller Schweizer sind im Verlaufe ihres Lebens einmal von einer Zwangsstörung betroffen.

2. Gibt es Geschlechtsunterschiede? Nein – Frauen und Männer sind nahezu gleich betroffen (55% zu 45%).

3. Wie lange können Waschrituale dauern? Sehr lange. Es gibt Fälle, bei denen das Waschritual mehrere Stunden (!) in Anspruch nimmt.

4. Wissen die Betroffenen, dass sie an einer Störung leiden? Ja. Im Unterschied zu Personen, die an anderen psychischen Erkrankungen leiden (z. B. Psychosen), wissen Zwangspatienten im Grunde, wie unrealistisch ihre Befürchtungen und unnötig ihre Zwangshandlungen daher sind.

5. Was kann man Menschen raten, die an einer Zwangsstörung leiden? Betroffene sollten ihre Scham überwinden und sich möglichst früh jemandem anvertrauen. Am besten ist es, eine Fachperson aufzusuchen, die kompetente Hilfe anbieten kann.

6. Wie wahrscheinlich ist es, dass Zwangsgedanken Realität werden? Nach dem heutigen Kenntnisstand ist das völlig unrealistisch. Das liegt u. a. daran, dass Zwangspatienten den Inhalt ihrer Zwangsgedanken komplett ablehnen und sich dadurch bedroht und nicht etwa «angetörnt» fühlen.

7. Sind Zwangsstörungen therapierbar? Ja! Bei etwa 75% der Betroffenen lassen sich mit der geeigneten Behandlung Verbesserungen erzielen.