Über einen gebrochenen Arm sprechen wir meist ohne Zögern. Doch wenn es um anhaltende Ängste, tiefe Erschöpfung oder das Gefühl geht, den Alltag nicht mehr bewältigen zu können, fällt es uns oft schwerer. Die Sorge, nicht verstanden oder anders behandelt zu werden, kann gross sein.
Ich begegne täglich Menschen, die durch schwierige Zeiten gehen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten. Und ich erlebe immer wieder, wie viel Mut es braucht, über die eigene psychische Gesundheit zu sprechen und Hilfe anzunehmen.
Der diesjährige Welttag der psychischen Gesundheit steht unter dem Motto «Lived experiences heard: real voices, real change». Menschen, die psychische Erkrankungen selbst erlebt haben, bringen ein Wissen mit, das unsere fachliche Sicht sehr bereichert. Sie wissen, wie es sich anfühlt, mit einer Depression aufzustehen, mit starken Ängsten durch den Alltag zu gehen oder nach einer schweren Krise wieder Vertrauen in das eigene Leben zu finden.
Doch was bedeutet psychische Gesundheit eigentlich?
Psychische Gesundheit hilft uns, mit Belastungen umzugehen, Beziehungen zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Dabei spielen auch unsere Lebensbedingungen eine wichtige Rolle. Sicherheit, soziale Unterstützung und ein verlässliches Umfeld können uns Halt geben.
Psychisch gesund zu sein bedeutet nicht, immer glücklich, leistungsfähig oder ausgeglichen zu sein. Trauer, Ängste und Zweifel gehören zum Leben. Wir dürfen schwierige Phasen erleben und Unterstützung benötigen. Das bedeutet nicht, dass wir unsere Selbstständigkeit verlieren oder nicht mehr selbst entscheiden können. Mir ist wichtig, dass wir bei einer psychischen Erkrankung die Fähigkeiten, Wünsche und Lebensziele eines Menschen weiterhin im Blick behalten.
Wann wird aus einer psychischen Belastung eine Erkrankung?
Eine Trennung, Konflikte, Überforderung oder der Verlust eines nahestehenden Menschen können uns stark belasten. Schlafprobleme, Unruhe oder Niedergeschlagenheit sind mögliche Reaktionen darauf und bedeuten nicht automatisch, dass eine psychische Erkrankung vorliegt.
Wenn Beschwerden anhalten, zunehmend Raum einnehmen oder den Alltag, Beziehungen oder die Arbeit deutlich beeinträchtigen, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Die Übergänge können fliessend sein. Unterstützung darf deshalb auch schon dann beginnen, wenn wir uns unsicher sind, was gerade mit uns geschieht.
Warum ist es wichtig, über psychische Gesundheit zu sprechen?
Die Sorge, auf Vorurteile zu stossen, kann Menschen davon abhalten, über ihr seelisches Befinden zu sprechen. Ich wünsche mir, dass eine Aussage wie «Mir geht es psychisch gerade nicht gut» auf Offenheit trifft. Ein aufmerksames Nachfragen kann helfen, sich weniger allein zu fühlen.
Das Jahresmotto unterstreicht, wie wertvoll die Erfahrungen von Betroffenen für unsere Arbeit in der Psychiatrie sind. Sie sollten bei Entscheidungen spürbar Gewicht haben – in der einzelnen Behandlung ebenso wie bei der Gestaltung unserer Angebote.
Zu einer guten Behandlung gehört für mich, dass die Patient*innen mit ihren Wünschen und Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen.Was ist ihnen gerade wichtig? Was hat bisher geholfen? Welche Unterstützung wird gebraucht? Und welcher nächste Schritt fühlt sich passend und machbar an?
Vielleicht ist der 10. Oktober deshalb vor allem eine Einladung an uns alle: Fragen wir nach. Hören wir zu. Und nehmen wir einander ernst.
Dr. med. Verena Vedder
Chefärztin
Stv. Ärztliche Direktorin
Mitglied der erweiterten Klinikleitung