Angst als störender Begleiter. Das muss nicht sein.

Editorial von Frau Dr. med. Ingrid Reubi

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Psychische Erkrankungen sind weitgehend ein Tabuthema, nicht weil sie selten wären, im Gegenteil, sie nehmen zu, insbesondere Angsterkrankungen. Gesellschaftlich gesehen dürfte das ja gar nicht sein. Man ist doch schliesslich gesund und leistungsfähig – was eben nicht ganz so ist.

Von einer Angstsymptomatik Betroffene ziehen sich zurück. Im besten Fall sind sie umgeben von Freunden und Bekannten, die diese Erkrankung kennen und die Erfahrung machen konnten, dass Angsterkrankungen behandelbar sind. Trotzdem bleibt für viele ein gewisses Unwohlsein und Scheu gegenüber diesem Thema. Man schweigt, bleibt abgekapselt und für sich, was wiederum die Symptomatik verstärkt. Die Angst wird dominanter und behindert zusehends den rechtzeitigen Einstieg in eine Behandlung. Obwohl Angststörungen in den letzten Jahren sukzessive als Erkrankung anerkannt gelten, geht doch immer noch viel Zeit verloren, bis sich der Patient in eine psychotherapeutische Behandlung wagt. Die Frage, warum eine psychotherapeutische Behandlung so viel länger herausgezögert wird als eine internistische oder chirurgische, hat wohl vor allem etwas mit «Salonfähigkeit» der einen im Vergleich zur anderen medizinischen Behandlung zu tun. Angst – was ist das eigentlich? Angststörungen beginnen zumeist schleichend und unspektakulär. Situationen, in denen Angst auftreten könnte, werden sicherheitshalber gemieden. Das Problem scheint damit vorerst gelöst, allerdings zum Preis zunehmender Einschränkung. Auf einmal kann ich nicht mehr ins Konzert gehen, weil der geschlossene Raum und die zahlreichen Menschen eine Enge auslösen, die Angst verursacht, und zwar in einem Ausmass, das die Betroffenen zum Rückzug zwingt in der Hoffnung, so

Sicherheit zu finden. Ich realisiere, dass ich mich selber immer wieder ein- und abgegrenzt habe, obschon ich aus vielen Situationen gelernt habe, dass meine Angst unbegründet ist, ich keiner realen Gefahr gegenüberstehe. Spätestens jetzt ist Handeln angesagt. Professionelle Hilfe steht in unserem Lebensraum zur Verfügung und soll genutzt werden. Angststörungen lassen sich gut und sicher behandeln. Wesentlich ist der Schritt, anzuerkennen, dass eine Angstproblematik besteht und diese im Rahmen einer Psychotherapie einzeln oder in Gruppen sehr gut und sicher therapierbar ist.

Dr. Ingrid Reubi

Wenn die Angst überhand nimmt.

Autorin: Dorothee Schmid, lic. phil., Fachpsychologin FSP

Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Ungefähr jeder Fünfte ist im Laufe seines Lebens von einer behandlungsbedürftigen Angststörung betroffen. Oft dauert es mehrere Jahre, bis die richtige Diagnose gestellt wird und die Betroffenen eine wirkungsvolle Behandlung bekommen. Das hängt namentlich damit zusammen, dass Angststörungen auch ausgeprägte körperliche Symptome verursachen, die nicht selten als Zeichen einer körperlichen Krankheit gedeutet werden.

Angst ist zunächst eine normale Reaktion auf konkrete, reale Gefahren, also ein (lebens-)wichtiger Schutz (= Realangst). Zur Angststörung wird die Angst dann, wenn sie sich auf Situationen oder Dinge bezieht, die real nicht wirklich gefährlich sind oder die vom überwiegenden Teil der Mitmenschen als nicht gefährlich beurteilt werden. Beispiele sind die Angst vor dem Zugfahren, die Angst vor geschlossenen Räumen (Kino, Restaurant), die Angst vor grossen Plätzen, die Angst vor grösseren Menschenmengen oder die Angst vor bestimmten Objekten (Mäuse, Hunde). Auch ein permanentes Besorgtsein um ganze Lebensbereiche, um das eigene Wohlergehen oder das Wohlergehen anderer gehört zu den Angststörungen. Reale Angst wie auch Angststörungen haben in der Regel drei Anteile:

• Körperlich: Atemprobleme, Herzklopfen, Druckgefühle im Brust- und Bauchraum, Schwitzen, Zittern, Schwindel

• Gedanklich: alarmierende Gedanken («Achtung!») wie zum Beispiel die Idee, die Kontrolle über sich zu verlieren, den Verstand zu verlieren, einen Herzschlag zu erleiden, ohnmächtig zu werden

• Verhalten: Fliehen aus der vermeintlich gefährlichen Situation, Vermeiden der angstauslösenden Situation, Erstarren oder (eher selten) Aggressivität und Kampfbereitschaft

Die hier beschriebenen Symptome führen bei den Angststörungen dazu, dass Betroffene in ihrer konkreten Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden. Sie richten ihre Aufmerksamkeit zunehmend auf die Frage, ob eine Situation «gefährlich» sein könnte und darum vermieden werden muss. Oder sie versuchen im Voraus, alle eventuell eintretenden «Gefahren» zu erkennen und entsprechende Sicherheitsmassnahmen vorzubereiten. Dadurch wird spontanes, flexibles Handeln zunehmend schwierig oder unmöglich. Nicht selten geraten Angstpatienten schliesslich in einen Zustand, in dem sie sich nur noch in ganz engen Bahnen bewegen oder einen «sicheren Ort» (beispielsweise die eigene Wohnung) kaum mehr verlassen können. Angststörungen können erfolgreich behandelt werden. Bei rund 70–80% der Betroffenen können bedeutende und dauerhafte Besserungen erzielt werden. Am wirksamsten ist eine Behandlung, in der sowohl an den Gedanken wie auch am Verhalten der Betroffenen gearbeitet wird – wie sie auch in der Privatklinik Wyss zur Anwendung kommt. Zentral ist, dass die Patienten ihre persönlichen Angstsituationen wieder aufsuchen, sie zutreffender einschätzen und dabei erleben, dass ihnen real nichts Schlimmes passiert. Atem- und Entspannungstechniken sind eine wichtige Ergänzung. Die Betroffenen lernen dadurch, die körperlichen Symptome der Angst selbst zu reduzieren und damit zu bewältigen. In sachgerechter Weise eingesetzt, können auch Medikamente hilfreich sein. Eine Abklärung bei einem kompetenten Ansprechpartner für ambulante und stationäre Behandlungsangebote kann im Fall der Fälle hilfreich sein.

Vom Umgang mit der Angst

Bericht einer Betroffenen

Von meinen Angstattacken lasse ich mich im Alltag stark einschränken. In der Angstgruppe erhalte ich viel theoretisches Wissen zum Wesen der Angst, z. B. den Verlauf einer Angstkurve. Das hilft mir in Situationen, in denen ich mit Panik reagiere, meine Gedanken besser zu kontrollieren und mich nicht völlig meinem Katastrophendenken zu überlassen. In der Körpertherapie habe ich gelernt, wie ich mit bewusster Atmung dem Knieschlotter und der Schwäche begegnen kann, die meine Panikattacken begleiten. Entspannungsübungen mache ich sehr gerne, weil sie mir helfen, meinen Körper besser kennenzulernen und «herunterzufahren». Der Austausch mit den anderen Gruppenmitgliedern löst bei mir oft tiefe Betroffenheit aus, aber auch immer die Erleichterung, dass ich nicht alleine bin mit meinen Sorgen. Teilnehmerinnen, welche die Gruppe nach einem längeren Weg der Angstbewältigung verlassen, motivieren mich, mir zu sagen: «Ich werde es auch schaffen!»

7 Fragen – 7 Antworten zum Thema «Angst»

Wie häufig sind Angststörungen in der Bevölkerung?

Zwischen 15 und 20% aller Schweizer sind im Verlaufe ihres Lebens einmal von einer

Angststörung betroffen.

Welche Kosten verursachen Angststörungen?

Angststörungen verursachen jährlich Kosten von rund 1.6 Milliarden Franken (Behandlungen, Arbeitsausfall etc.).

Gibt es Geschlechtsunterschiede?

Ja – Frauen sind doppelt so oft betroffen wie Männer.

Was sollte man bei einer Angststörung nicht tun?

Viele Betroffene vermeiden die angstauslösenden Situationen oder Objekte. Das ist jedoch kontraproduktiv – häufig wird dadurch die Angststörung verstärkt.

Welche Formen der Angststörung gibt es?

Die Panikstörung (anfallsartige, schwere Angst), die generalisierte Angststörung (anhaltende Angst in vielen Lebensbereichen), die einfachen Phobien (Angst vor bestimmten Dingen, z. B. Schlangen), Agoraphobie (Angst vor grossen Plätzen), soziale Phobie (Angst vor sozialen Situationen) und Klaustrophobie (Angst vor engen oder geschlossenen Räumen).

Was soll man stattdessen tun?

Eine wirksame Behandlung aufsuchen. Der wirksamste Therapieansatz ist die kognitive Verhaltenstherapie.

Sind Angststörungen therapierbar?

Ja! 70–80% der Betroffenen kann mit der geeigneten Behandlung geholfen werden.

Aus dem Angebot der Klinik:

Angstbehandlungen ambulant und stationär

Am ambulanten Dienst im Hirslanden Salem-Spital in Bern bietet die Privatklinik Wyss ein ambulantes Gruppenprogramm für Angst- und Zwangserkrankungen an. Betroffene lernen, mit Hilfe geeigneter Verhaltensweisen mit ihrer Angst umzugehen. Sie gewinnen damit Selbstständigkeit zurück – und erhöhen ihre Lebensqualität massgeblich. Mit dem in der Therapie gewonnenen Mut gelingt es, eine selbstverantwortliche Lebensgestaltung aufzubauen. Wenn die Ängste den Alltag zu stark zu beeinträchtigen beginnen, ist manchmal ein stationärer Aufenthalt hilfreich und nötig. Das bewährte stationäre Gruppenprogramm der Klinik hilft hier weiter. Da beide Angebote durch dieselbe Therapeutin geleitet werden, ist eine hohe Betreuungskonstanz gewährleistet.