Wieso trinken wir Alkohol?

Editorial von Dr. med. Franz Caduff

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Chefarzt Privatklinik Wyss

Anlässlich eines Referates über mögliche Gefahren des übermässigen Alkoholkonsums meldet sich spontan ein Zuhörer und teilt mit leicht herausforderndem Unterton mit, er trinke nie «Alkohol»! Wenn schon, dann trinke er Wein, Bier, sauren Most und gelegentlich einen Whiskey; «Alkohol» aber trinke er nicht. Er kenne auch sonst niemanden, der «Alkohol» konsumiere...! Der Mann hat Recht, und doch wieder nicht. Recht hat er, dass – zumindest in unseren Breitengraden

– kaum jemand in der Drogerie Alkohol kauft, um diesen zu trinken; zum Glück, da bekanntermassen lebensgefährlich! Unrecht hat er jedoch, anzunehmen, dass die erwähnten Getränke ebenso häufig konsumiert würden, wenn sie keinen Alkohol enthielten. Der Geschmack alleine reicht wohl doch nicht aus, um den vollen Genuss zu bereiten. Alkoholfreie Biere und Weine existieren – als Nischenprodukte! Wieso trinken wir eigentlich alkoholische Getränke? Wissenschaftlich gesehen entfaltet das «Medikament» Alkohol vor allem drei Wirkungen: In geringer Dosis wirkt es angstlösend und entspannend, in höherer Dosis beruhigend und einschläfernd. Und – zumindest bei Trinkbeginn

– hat der Alkohol einen euphorisierenden und belebenden Effekt. Eigentlich ein gutes Kombinationspräparat, wenn da nur nicht die Neben- und Langzeitwirkungen wären. Die «Janus-Köpfigkeit» des Alkohols ist seit Jahrtausenden bekannt: Geschätztes Kulturgut einerseits, in vielen Gesellschaften beliebt und bei mannigfaltigen Gelegenheiten konsumiert; Suchtmittel andererseits, mit zerstörerischer Wirkung auf Gesundheit und Beziehungen. Der «Geist» in der Flasche, schöpferisch, aber auch verführend und destruktiv. Kurzfristig löst er einige Probleme, langfristig und im Uebermass genossen schafft er viele neue.

In der Privatklinik Wyss hat die stationäre Behandlung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen eine lange Tradition. Wir bieten Hand für Entzug und Entwöhnung. Wir lösen keine Probleme, bieten Abhängigen jedoch Zeit, Raum und Know-How, ihre Probleme mit dem Suchtmittel anzugehen und den «Geist» zu bändigen.

Alkohol - Genuss oder Problem?

Alkohol wird seit Jahrtausenden als Genuss-, Rausch- und Nahrungsmittel konsumiert. Wer jedoch damit nicht zurecht kommt, schämt sich oftmals, früh genug Hilfe zu beanspruchen. Sucht erkennen.

Anders als bei anderen seelischen Problemen (wie zum Beispiel Burnout) werden Alkoholprobleme gesellschaftlich verschwiegen und Betroffene schämen sich. Vor allem aufgrund der Stigmatisierung von Alkoholproblemen ist es schwierig zu erkennen, ob sich eine Suchtproblematik anbahnt oder ob man den Konsum noch im Griff hat. Aus fachlicher Sicht ist die Sachlage klar: Menschen haben dann ein Suchtproblem, wenn sie entweder den Konsum nicht beenden können, ohne dass psychische oder körperliche Entzugserscheinungen eintreten, oder aber wenn sie nicht aufhören können zu trinken, obwohl sie sich oder anderen immer wieder schweren Schaden zufügen.

Abhängigkeit entsteht schleichend.

Ein Umstand, der das Erkennen von Alkoholproblemen schwieriger macht als beispielsweise Heroinabhängigkeit, ist die Frage der gesellschaftlichen Norm. Anders als Heroinkonsum ist Alkoholkonsum eine gesellschaftliche Normalität. «Normal» heisst aber nicht etwa wenig: Pro Kopf trinkt jede

Schweizerin und jeder Schweizer im Jahr immerhin knapp 40 Liter Wein, 60 Liter Bier und 4 Liter Schnaps. Bei vielen gesellschaftlichen Anlässen gehört Alkohol dazu. Es ist daher für Betroffene schwierig, bei sich selber eine Suchtentwicklung festzustellen. Ein weiterer Umstand, der das Erkennen einer Sucht erschwert ist die Tatsache, dass sich die Alkoholabhängigkeit beinahe unmerklich entwickelt. Bis ein Betroffener professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, dauert es im Durchschnitt zwölf Jahre!

Hartnäckige Mythen.

Rund um das Thema Alkoholprobleme gibt es einige Mythen, die sich hartnäckig halten, teilweise sogar in Fachkreisen. Beispielsweise gibt es das Vorurteil, dass Betroffene «tief fallen» müssen, damit sie einsichtig werden und sich helfen lassen. Das Problem dabei ist, dass Betroffene, die beispielsweise Beruf, Familie oder Wohnung verloren haben, tatsächlich eine schwierige Zukunftsperspektive haben und deshalb nur mit grosser Mühe einen anderen Weg einschlagen können. Je früher jemand ein Problembewusstsein entwickelt und Hilfe annimmt, desto grösser sind die Chancen, die Suchtproblematik in den Griff zu bekommen. Ein anderer Mythos ist die Vorstellung, dass sich Alkoholprobleme ohne fachliche Hilfe zwingend verschlimmern. Bei einzelnen Betroffenen kann dies zwar durchaus sein, es gibt aber auch wissenschaftliche Langzeitstudien, die das Gegenteil beweisen: Betroffene können ihr problematisches Trinkmuster häufig auch ohne professionelle Hilfe, dafür aber zum Beispiel mit Unterstützung einer Selbsthilfegruppe, verändern. Nichtsdestotrotz ist fachliche Hilfe für viele Betroffene eine entscheidende Hilfe.

Suchtprobleme in zwei Phasen behandeln.

Es existieren Behandlungsmethoden, die Betroffenen wirksam helfen, ihre Suchtproblematik zu bewältigen. Wie bei anderen psychischen Erkrankungen (beispielsweise Depressionen) gibt es relativ viele Rückfälle, so dass eine «Heilung» kein vernünftiges Therapieziel darstellt. Viel mehr geht es darum, dass die Betroffenen nach und nach ihre eigenen Problemexperten werden und dadurch ihr Verhalten besser steuern können. Die Behandlung von Suchtproblemen erfolgt in der Regel in zwei Phasen: Die erste Entgiftungsphase dauert eins bis zwei Wochen, bis die Entzugserscheinungen überwunden sind. Falls erforderlich, werden Medikamente zur Beruhigung eingesetzt. Dem Entzug folgt die zweite Phase der Entwöhnung, die ein bis drei Monate dauert. Erstes Ziel der Entwöhnung ist, mit psychotherapeutischer Unterstützung ein Problembewusstsein zu entwickeln (zentrale Fragen: Warum trinke ich? Welche Probleme stehen hinter dem Trinken?) und Veränderungsmotivation aufzubauen (Was müsste ich eigentlich ändern? Warum überhaupt?). Darauf folgend geht es darum, die Zeit nach Klinikaustritt vorzubereiten (Was muss ich ändern, damit ich nicht rückfällig werde?) und Fertigkeiten im Umgang mit dem Verlangen nach Alkohol zu trainieren. Zusätzlich lernen Patienten während des Aufenthalts konkrete «Werkzeuge» wie Entspannungsverfahren oder Atemübungen, welche sie zur Bewältigung von Rückfällen nutzen können.

Autor:

lic. phil. Kaspar Kellenberger

Fachpsychologe für Psychotherapie FSP Privatklinik Wyss

Die lieben Partner und Verwandten

Für viele Partner und nahestehende Personen ist es schwierig mit anzusehen, wenn jemand wegen Alkoholkonsum leidet. Ihre gut gemeinte Hilfe kann das Gegenteil bewirken.

Die Folgen der Alkoholabhängigkeit betreffen nicht nur den Betroffenen selbst, sondern auch seinen Partner und seine Familie, d.h. jene Menschen, die sein Leben und später seine Suchterkrankung teilen. Da sich eine Abhängigkeit schleichend entwickelt, bemerken die Partner lange nicht, dass ihr Bemühen zu helfen das Suchtverhalten des Betroffenen mit der Zeit stützt und verlängert. In Fachkreisen spricht man von Co-Abhängigkeit und meint damit all jene typischen Verhaltensweisen von Bezugspersonen des Alkoholkranken, die damit das süchtige Verhalten unterstützen und eine rechtzeitige Suchtbehandlung verhindern. Oft neigen die Partner dazu, aus Hilflosigkeit oder Ohnmacht der Sucht gegenüber das Suchtverhalten zu kontrollieren, was gleichzeitig bedeutet, dem Abhängigen Verantwortung abzunehmen. Typischerweise verhält sich ein co-abhängiger Partner

wie folgt:

• Er schützt den Abhängigen davor, die Folgen seiner Krankheit selbst zu tragen.

• Er übernimmt die Kontrolle sowohl über den Suchtmittelkonsum als auch über die alltäglichen Tätigkeiten.

• Er rechtfertigt oder akzeptiert gar den Suchtmittelmissbrauch.

• Er unterstützt den Abhängigen beim Beschaffen, beim Konsumieren und beim Entsorgen des Suchtmittels.

Durch das ständige Bemühen des Partners, den Konsum des Suchtbetroffenen einzuschränken oder zu kontrollieren, entstehen öfter grosse Paarkonflikte. Die Partner sind wütend und enttäuscht vom suchtkranken Partner, frustriert und gleichzeitig besorgt um seine Gesundheit, seine Arbeits- und Zahlungsfähigkeit, seine sozialen Kontakte, mögliche Verkehrsunfälle etc. Mit dem Ziel, dem suchtkranken Menschen zu helfen, neigen Partner oft dazu, die Suchterkrankung Freunden und Familie gegenüber zu leugnen, da sie sich schämen. Somit sind sie schlussendlich völlig vom Verhalten ihres suchtmittelabhängigen Angehörigen abhängig – sie sind co-abhängig.

Gut gemeint.

Je stärker ein Partner versucht, den Alkoholabhängigen mit seiner Krankheit zu konfrontieren oder gar zur Einsicht zu bringen, um so beharrlicher leugnet dieser das Problem. Das Leugnen ist ein Abwehrmechanismus: Indem die suchtbetroffene Person sich und andere belügt, verhindert sie, mit dem konfrontiert zu werden, was bedrohlich, beschämend und schwer zu akzeptieren ist, nämlich die Tatsache, abhängig zu sein. Das Leugnen zeigt sich als Bagatellisieren («Das war doch nur ein Ausrutscher.»), als Aggressivität («Das geht dich nichts an!») oder in Form von Ausreden («Ich trinke, weil du mich so gekränkt hast»).

Was tun? Wege aus der Co-Abhängigkeit.

Personen im engsten Umfeld sind mitbetroffen. Partner versuchen oft, den Betroffenen in schwierigen Situationen zu schützen und zu entschuldigen, ihm somit Verantwortung abzunehmen. Die abhängige Person erlebt die unangenehmen Konsequenzen weniger intensiv. Wozu also etwas ändern? Es ist jedoch zentral, dass die suchtbetroffene Person die Verantwortung und die Folgen ihres Konsums wieder selbst trägt. Ein erster Schritt für den Partner ist die persönliche Erkenntnis, dass dem Suchtbetroffenen nicht geholfen werden kann – nur der Betroffene selbst kann sein Problem lösen. Als wichtigste Verhaltensregel im Umgang mit einem süchtigen Partner gilt demzufolge, alles zu unterlassen, was die Sucht unterstützen und verlängern kann. Dabei ist es von grosser Bedeutung, dem süchtigen Partner klare Grenzen zu setzen, was toleriert wird und was nicht. So können sich Partner z.B. weigern, ins Auto zu steigen, wenn die betroffene Person berauscht ist oder verlangen, in ihrer Anwesenheit nicht zu trinken. Die persönliche Abgrenzung des Partners gegenüber dem Suchtbetroffenen ist keine Entscheidung gegen ihn, sondern gegen seine süchtigen Verhaltensweisen. Für Partner sind Kontakte zu anderen Mensch sehr (Fortsetzung) bedeutsam, denn ein hoher Preis der Co-Abhängigkeit ist oft die innere Verzweiflung, die Scham und die Isolation. Soziale Kontakte ausserhalb der Beziehung helfen dem Partner, Selbstachtung und Selbstständigkeit zu wahren.

Sowohl die Partner wie auch die suchtbetroffenen Menschen selbst finden professionelle Unterstützung bei Alkohol- und Suchtberatungsstellen, in stationären Entzugs- und Entwöhnungsbehandlungen oder in Selbsthilfegruppen.

Was tun bei Rückfällen?

Ein Rückfall wird sowohl von der betroffenen Person selbst wie auch vom Partner als Versagen und Enttäuschung erlebt. Rückfällen gehören auf dem Weg aus der Sucht sehr häufig dazu und dürfen auf keinen Fall als Niederlage betrachtet werden. Eine Suchtmittelabhängigkeit hat sich oft über viele Jahre hinweg entwickelt. Die betroffene Person benötigt somit Zeit, um zu lernen, wieder ohne Suchtmittel zu leben. Wichtig ist, herauszufinden, weshalb es zu einem Rückfall kam, wie ein solcher in Zukunft verhindert werden kann und wo Unterstützung zur Verfügung steht.

Autorin:

lic. phil. Nadine Freund

Fachpsychologin für Psychotherapie FSP, Bereichsleiterin «Suchtprobleme» Privatklinik Wyss

Selbsttest Alkoholabhängigkeit

Wer zwei der folgenden Fragen mit ja beantwortet, sollte sich mit einer Fachperson in Verbindung setzen:

1. Haben Sie (erfolglos) versucht, Ihren Alkoholkonsum einzuschränken?

2. Haben andere Personen Ihr Trinkverhalten kritisiert und Sie damit verärgert?

3. Hatten Sie schon Schuldgefühle wegen Ihres Alkoholkonsums?

4. Haben Sie jemals gleich nach dem Aufstehen getrunken, um in Gang zu kommen oder sich zu beruhigen?